Katinka kann keinen Dudelsack mehr hören

Dudelsack - wer auch immer für die Übersetzung dieses Wortes ins Deutsche zuständig war, hatte Humor und womöglich auch sehr dünne Nerven. Auf Englisch heißt das Ding ja Bagpipe, also eigentlich Pfeifensack. Und muss schwer zu spielen sein, stelle ich mir vor. Aber in Edinburgh können das ganz schön viele und deshalb stehen sie dort auch im Abstand von 5 Metern.

Ich trenne mich richtig, richtig schwer von meinem Idyll da oben bei Wick. Am letzten Abend gibt es noch spektakuläre Nebelbänke für mich, in denen ich die Hand vor Augen nicht sehen kann. Im Garten meines B&B tauchen ab und an schemenhaft ein paar Schafe und Hühner auf und draußen ist es so still, dass ich glaube, taub geworden zu sein.

 

In einem kleinen Wettlauf gegen die Zeit fahre ich am Montag nach Edinburgh, das Auto möchte um 14.30 Uhr abgegeben sein und die Fahrt ist lang. Aber natürlich schaffe ich es, den Kleinen sogar noch eine Stunde vor der vereinbarten Zeit am Flughafen abzugeben und mich ein bisschen wehmütig von ihm zu verabschieden. Hach, ich war echt ganz verliebt.

 

Bei der Fahrt durch Edinburgh zu meinen Hotel denke ich erst: "Mist, wieder mal am Arsch der Heide!", um dann aber festzustellen, dass ich total Glück habe - denn in Edinburgh-Leith spielt nicht nur der Film "Trainspotting" (auch wenn er wohl zu größten Teilen in Glasgow gedreht wurde), sondern es ist heute auch ein ganz gentrifiziertes, hübsches, alternatives Viertel mit vielen netten Pubs und Cafés. Alleine für die Frühstückscafés rund um mein Hotel könnte ich noch mal zwei weitere Wochen brauchen.

 

Am ersten Tag versuche ich, es ruhig angehen zu lassen. Ich habe mir für den späten Nachmittag eine Stadtführung mit einer Fotografin gebucht, bis dahin schlage ich ein bisschen die Zeit tot, frühstücke leckerste Eggs Benedict, laufe dann erst ein bisschen unterhalb von Castle Hill in der "Neustadt" herum, mache einen kurzen Ausflug nach Dean Village, weil das schön sein soll (ich fand's überschätzt, aber vielleicht auch, weil meine Erwartungshaltung eine andere war. Ich hatte an mehr Cafés gedacht...), hänge mit Caramel Shortcake (wie "Daim", nur als Kuchen) auf 'ner Wiese ab und laufe dann mal hoch zur Royal Mile. Und war's unten eigentlich noch ganz entspannt, steppt da oben natürlich der Bär. Die Royal Mile ist die Straße die vom Schloss zum Holyrood Palace führt, wo die Queen mindestens einmal im Jahr ein paar Tage Urlaub macht. Und hier gibt es: Whisky, Whisky, Whisky, Gin, Gin, Gin, Tartan (also Schottenkaro) in allen vorstellbaren Erscheinungsformen, viele Dudelsackspieler, noch mehr Whisky, Souvenirshops, schwebende Straßenkünstler, Coffeeshops, noch mehr Gin und tausende von Touristen, mit denen ich mich durch die Straße schiebe. Nach kurzem Herumschieben kaufe ich für morgen eine Karte für Mary King's Close und flüchte mich für die restliche Zeit in die Schottische Nationalgallerie.

 

Um 17.30 Uhr treffe ich Ann, die Fotografin und einen zweiten Teilnehmer, Andras, aus den Staaten und wir ziehen los zu den besten Fotospots der Stadt. Ann ist sehr energiegeladen und hat viel zu erzählen, wovon ich mal knapp die Hälfte verstehe. Schottisches Englisch ist definitiv eine Herausforderung für mich. Trotzdem ist es nett mit ihr durch die Gegend zu laufen und sie zeigt uns ein paar schöne  und außergewöhnliche Plätze, die ich so sicherlich nicht gesehen hätte. Allerdings werden aus geplanten eineinhalb Stunden fast zweieinhalb und am Ende sind Andras und ich so kaputt vom Rumrennen, dass sie uns freundlicherweise noch zur Bushaltestelle fährt.

 

Busfahren in Edinburgh krieg ich ja bis zum Schluss nicht richtig hin. Das Fahrgeld bitte immer abgezählt, Wechselgeld gibt's nicht, Kreditkarte (mit der ich hier jeden einzelnen Schokoriegel bezahle) geht nicht. Haltestellen werden weder angesagt, noch angezeigt und auch im Bus muss ich mir viel Mühe geben um draußen zu erkennen, wo ich denn nun bin. So steige ich meistens zu früh oder zu spät aus oder - wie an diesem Abend - viel zu spät, so dass ich wild fluchend weitere 1,5 Kilometer zu Fuß zurücklaufen muss.

 

Ich schwör mir, am nächsten Tag nicht so viel rumzurennen und beginne mit einer spannenden Führung durch Mary King's Close, die Stadt unter der Stadt, wo man sehr anschaulich erfahren kann, wie es früher in Edinburgh zugegangen ist. Vor allem war's da sehr eng. Danach kommt tatsächlich ein bisschen sowas wie Langeweile auf, bevor ich nachmittags auf Sonny treffe, von "Invisible Cities". Das ist ein Projekt, bei dem Obdachlose einem "ihre" Stadt zeigen. Natürlich ist es auch touristisch, aber auch er zeigt uns die eine oder andere Ecke, die wir so nicht gesehen hätten und sein Tourschwerpunkt liegt auf Hinrichtungen, Friedhöfen und wie man jemand an den Ohren irgendwo festgenagelt. Ratet, wie viel ich von der Führung tatsächlich verstanden habe. Zwei junge Amerikanerinnen sagen mir hinterher, dass es auch für sie schwierig ist, das Englisch hier zu verstehen. Sonny ist superstolz auf seine Tour und zeigt uns noch Fotos von sich mit William und Kate, George Cloony und Leonardo di Caprio, die das Projekt mal besucht haben.

 

Einen letzten Whisky im Pub, ein letztes Frühstück im Café, am Donnerstag geht's heim. Die Stimmung schwankt zwischen Panik und Istganzokayso. Ich versuche relativ erfolgreich, dem Thema nicht so viel Raum zu geben, es ist ja wie es ist. Und während der  1,5-stündigen Busfahrt, die ich mit 30 Minten geplant habe, hoffe ich ein bisschen darauf, meinen Flieger zu verpassen. Eine Nacht noch, bitte!!!! Klappt aber nicht. Beim vorerst letzten Landeanflug auf Hamburg muss ich ein paar Tränen verdrücken, bevor mir die hier herrschenden Temperaturen beim Aussteigen wie eine Wand entgegenschlagen. Verkehrte Welt irgendwie.

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Kommentare: 3
  • #1

    Bettina (Dienstag, 31 Juli 2018 22:10)

    Liebe Katinka, schon vorbei, dieses wunderbare Lese- und virtuelle Mitreiseerlebnis? Wir sollten alle zusammenlegen und Dich nochmal um die Welt schicken!
    Liebe Katinka, bewahre Dir Deine Neugier und Reiselust!
    Und morgen einen guten Wiedereinstieg, dem Du hoffentlich auch die guten Seiten abgewinnen kannst! Von den vielen Erlebnissen und Begegnungen wirst Du sicherlich bis ans Ende Deiner Tage zehren können.
    Gibt's denn dann auch mal einen Diaabend und ein internationales Menü von Katinka kocht? Bin einer Deiner ersten Gäste!
    Viele liebe Grüße
    Bettina

  • #2

    Christina (Dienstag, 31 Juli 2018 23:22)

    Liebe Katinka,
    es geht mir wie Dir: Ich kann gar nicht glauben, dass das Jahr schon um ist!
    Es hat Spass gemacht, an Deinen Erlebnissen teilzuhaben. Ich freue mich für Dich, dass alles so gut geklappt hat -bin immer noch sehr angetan von Deinen Reiseberichten und habe mir vorgenommen, sie nochmal alle hintereinander weg zu lesen :-)
    Bei einem Dia-Abend wäre ich ich auch dabei!
    1000 liebe Grüße,
    Christina

  • #3

    Michael (Mittwoch, 01 August 2018 16:40)

    Vielen Dank für Deine wunderbaren Reiseberichte. Dadurch war ich sogar auch ein bißchen in Schottland. Das Lesen machte wirklich Lust auf mehr! So gesehen ist Bettinas Zusammenlege-Idee nicht von schlechten Eltern und ein Überdenken (Überschlafen?) wert...
    Bis demnächst also!
    Liebe Grüße - Michael