Katinka fährt links

Schottland, Schottland, Schottland - ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich das hier noch einmal so begeistern würde...Schon die ersten Kilometer, die ich in den Highlands fahre, auf meinem Weg nach Norden, sind einfach nur atemberaubend! Hinter jeder Kurve, hinter jeder Kuppe tut sich eine neue Landschaft auf, Berge, Seen, Felsen und Heide, gesprenkelt mit Schafen, Kühen und Wanderern in bunten Funktionsklamotten.

Ich entscheide mich, nicht den schnellsten, sondern den schöneren Weg nach Dingwall zu wählen. Dem voraus geht eine Zwischen- übernachtung in einem B&B nahe Glasgow, wo ich endlich konsequent hochflorigen Teppichboden auch im Bad hab. Irgendwas hat mir bis hierhin gefehlt...

 

Ich fahre die A82, vorbei an Loch Linnhe, Loch Lochy und dann auch endlich Loch Ness, bevor ich nach Norden abbiege. Mein B&B in der Nähe von Dingwall ist ziemlich nett, vor allem Ian und seine Küche, die so groß ist wie meine gesamte Wohnung. Dort gibt es auch morgens immer Frühstück mit allen Gästen am großen Tisch. Frühstück in Schottland ähnelt dem in England (Rührei, Würstchen, Bacon, gegrillte Tomate, Baked Beans), erweitert um Haggis und Blutwurst. Müsli und Cerealien sind die Vorspeise, Toast mit Marmelade ist das Dessert.

 

Und während England weiterhin bei 33 Grad Hochsommer hat, mache ich mich bei 14 Grad und 70% Regenwahrscheinlichkeit auf zum Point of Stoer. Der Old Man of Stoer, eine Felsnadel vor der Steilküste, ist das Tagesziel. Viel aufregender ist aber erst mal die Anfahrt, denn auch hier werden die Straßen natürlich enger und enger, ich kämpfe mich über sieben Meilen mit stark erhöhtem Adrenalinspiegel durch einen völlig unübersichtlichen Single Track Road, wobei in Schottland a) deutlich weniger Verkehr ist, als in England und b) alle naslang ein Passing Place die Straße ausbeult, in den man dann fährt und wartet, bis der Gegenverkehr vorbei ist. Dabei wird sich jedes Mal, nachdem man sturzartig gebremst hat, freundlich zugewunken und viel gelächelt. Wie mit den Kühen umzugehen ist, die hinter der nächsten Kurve auf mich warten und neugierig mein Auto umringen, ist mir noch nicht ganz klar. Vorsichtshalber mal Fenster hoch. Und warten. Und hoffen, dass die nix kaputt machen. Und irgendwann gehen die dann auch wieder.

 

Ich starte bei noch relativ gutem Wetter, aber dann ziehen binnen Minuten Wolken und Nebel vom Ozean rein und ich krieg ein bisschen Manschetten, dass ich gleich nix mehr sehen kann. Grundlos, wie sich herausstellt, aber nassgeregnet bin ich auch noch, also gibt's den Old Man nur aus der Ferne. Am nächsten Tag erklimme ich bei umso besserem Wetter den Ostgipfel des Stac Pollaidh und bin bei einer unglaublichen Fernsicht unglaublich glücklich. Mehr braucht's nicht.

 

Doch, die Tatsache, dass der nette Tea-Room in Elphin geöffnet hat, die braucht's noch. Und dass die dort zu meinem großen Vergnügen einen Irish Setter haben, der aussieht wie Chewbacca.

 

Der letzte Tag ist etwas unausgegoren. Die Straße nach Glen Affric, wo ich wandern will, ist gesperrt wegen eines Unfalls, ich entscheide mich stattdessen für einen Wasserfall in der Nähe, der aber relativ langweilig ist, fahre nach Drumnadrochit auf der Suche nach den lustigen Schafspostkarten von vor 18 Jahre (haben sie nicht), fahre weiter nach Inverness (da auch nicht), bin genervt. Zu viele Menschen, zu viel (Links)Verkehr, zu viele Roundabouts und bei der Ausfahrt aus dem Parkhaus holze ich dermaßen rum, weil der Parkkartenautomat so weit von meinem Arm entfernt aufgestellt worden ist, dass sich hinter mir eine Schlange genervter Autofahrer bildet... Hmpf! Abhaken. Weiter geht's.

 

Und zwar nach Wick und weil das von Dingwall nur zwei Stunden entfernt ist, fahre ich erst mal nach Westen und dann nach Nordosten und das ist der Hammer! Zum größten Teil bin auf den Straßen der "North Coast 500" unterwegs, eine Art Nord-Schottland-Rundfahrt und obwohl auch hier fast nur Single-Track-Roads sind, sind die sehr übersichtlich und fast leer und heute macht mir das Fahren einfach mal richtig viel Spaß. Die Landschaft wird immer spektakulärer und atemberaubender und ich komme aus dem "Whow!"sagen überhaupt nicht mehr raus.

 

Der schottische Westen ist landschaftlich eindeutig aufregender als der Osten - blöd, dass auch mein zweites Quartier im Osten ist. Bei meiner Planung hatte ich naiverweise gedacht, dass ich dann einfach mal in den Westen rüberfahre (so'n bisschen wie Urlaub in Grömitz machen, aber jeden Tag nach St. Peter Ording fahren), hatte aber verdrängt, dass es hier oben eigentlich nur noch eine Straße gibt und selbst die oftmals nur als Single Track Road ausgebaut ist. "Mal eben" ist als nicht so einfach. Beim Frühstück gibt mir eine junge Schottin, die, seit sie 13 ist, dabei ist, alle Munros (= alle Gipfel in Schottland über 3.000 Fuß = 282 Berge) zu besteigen, einen guten Tip für eine Wander-Homepage und da werde ich auch hier in der Gegend mehr als fündig. Am ersten Tag mache ich mich also zum nördlichsten Punkt von Festland-Großbritannien auf, Dunnets Head. Ich laufe stundenlang vollkommen alleine auf dem Kliff, höre nur den Wind und die Möwen und irgendwann sehe ich am Horizont die mächtige, rote Steilküste von Hoy, einer der Orkney-Inseln, auftauchen.

 

Am nächsten Tag unternehme ich doch noch einen Vorstoß nach Westen, sehe aber relativ schnell ein, dass es einfach weder Sinn noch Spaß macht, stundenlang im Auto zu sitzen, lasse es dann mit zwei kleinen Wanderungen ruhig angehen und verabschiede mit gedanklich (zähneknirschend) davon, mit Ben Hope wenigstens einen Munro erklommen zu haben. Nächstes Mal. Wenn ich wieder hier bin. Und meine Zelte im Westen aufschlage. Nachmittags, auf den Klippen am Leuchtturm von Strathy sehe ich dann zum ersten Mal in meinem Leben einen Delphin im Meer. Wenn auch nur sehr kurz.

 

Carol, meine Vermieterin, leiht mir am Tag drauf ein ca.vier Kilogramm schweres Monstrum von Fernglas und damit kann ich, zu meinem großen Entzücken, bei John o'Groats in den Klippen flauschige Möwenkinder observieren und später, in einer Bucht, in der richtig viel Alarm ist, sehe ich sogar Papageientaucher (die auf Englisch "Puffin" heißen, was auch viel besser zu ihnen passt). Anscheinend bin ich in einem Alter, in dem es attraktiv wird, Vögel zu beobachten. Könnte schlimmer sein.

 

Ehrlich gesagt, macht mir das sogar so viel Spaß, dass ich am nächsten Tag nochmal nach John o'Groats fahre und dort eine Wildlife-Tour mit einem Böötchen buche. Damit fahren wir zur Insel Stroma raus, ein heutzutage unbewohntes Eiland, auf dem nur noch Schafe und Kühe grasen und in den Klippen und im Wasser gibt es nicht nur Papageientaucher, sondern auch viele andere Vögel, die ich natürlich alle nicht kenne, und dann noch einen Haufen (im wahrsten Sinne des Wortes) Seehunde. Wir schippern im Pentland Firth, einer Meerenge zwischen Schottland und den Orkney-Inseln, wo Nordsee und Nordatlantik aufeinander treffen, und es schwankt reichlich. So reichlich, dass ich vorsorglich mal ein bisschen mit meinem Leben abschließe.

 

Völlig zu Unrecht, wir erreichen den Hafen wohlbehalten und meine letzten Stunden hier oben verbringe ich auf den Klippen und gucke aufs Meer. Ich will hier nicht weg!

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Michael Rudolph (Mittwoch, 01 August 2018 16:28)

    Ein sehr schön geschriebener Reisebericht, liebe Katja! Hat ganz viel Freude bereitet ihn zu lesen! Und macht große Lust darauf wieder mal nach Schottland zu reisen (waren zuletzt 2000 dort...).
    Übrigens kennen wir auch Leute so um die 20 Jahre, die sich sehr intensiv mit Ornithologie befassen. Das ist also nicht zwingend eine Frage des (hohen) Alters, sondern auch ob und wie man (zum Beispiel von seinen Eltern) herangeführt wird und letztlich auch des gesteigerten Interesses für diesen Part der Natur...