It's coming home, it's coming home, it's coming....

No, it's not. Leider. Aber selbst ich konnte nicht anders, als mich von der Euphorie der Engländer anstecken zu lassen. Das wäre schon schick gewesen, wenn die Weltmeister geworden wären. Ich hätt's ihnen gewünscht. Auf jeden Fall habe ich tagelang den gleichen Ohrwurm...

 

Was hatte England denn nach dem Lake District noch so zu bieten? Erinnert Ihr Euch noch an James Herriot, "Der Doktor und das liebe Vieh"? Damals, Sonntagsnachmittags im Fernsehen, als wir noch drei Programme hatten? Hach, was hab ich diese Serie geliebt. Und da, wo die spielte, bin ich jetzt - in den Yorkshire Dales. Und ich kann Euch versichern, es sieht dort ganz genau so aus, wie damals im Fernsehen. Weite Landschaften, sanfte Hügel, viele Mauern und sehr viele Schafe.

 

Das B&B ist hübsch und Ruth und Richard sind furchtbar nett - das gefällt mir an den B&B, man hat immer irgendwie Familienanschluss. Womit ich in den ersten Tagen echt kämpfe, ist der Linksverkehr. Ich fahre viel zu weit links, weil ich ja viel zu weit rechts im Auto sitze, finde es sehr herausfordernd gleichzeitig mit links zu schalten, zu blinken und Chips zu essen und erschrecke mich jedes Mal, wenn mir auf der vermeintlich falschen Seite ein Auto entgegenkommt. Die Straßen in den Yorkshire Dales sind eng bis sehr eng und ich fahre, als hätte ich gestern meinen Führerschein gemacht. Nach den ersten Single-Track-Roads bin ich geneigt, meinen schnuckeligen kleinen Fiat 500 wieder abzugeben und per Bahn weiterzureisen, gehe das Ganze dann aber total pädagogisch an, indem ich mir einfach selbst ein paar Fahrstunden gebe und irgendwann gehts dann einigermaßen.

 

Bei meiner ersten Wanderung mache ich auch gleich mal Bekanntschaft mit Midges - winzige Moskitos, die schlagartig wie eine Wolke um mich herum auftauchen und sofort überall auf meinen Armen und in meinem Gesicht sind. Ich schlage hysterisch mit dem Wanderführer um mich und versuche ernsthaft, vor den Biestern davonzulaufen. Völlig naiv. Dann sind sie plötzlich weg. Dann sind sie wieder da. Dann sind sie weg. Und kommen auch nicht mehr wieder. Uff. Im Ort erst mal "Smidge" kaufen und das beste hoffen. Und ich dachte, mit den Viechern kriege ich erst in Schottland zu tun.

 

Es ist immer noch heiß und die ersten beiden Wanderungen sind toll, aber auch echt anstrengend und deshalb mache ich am dritten Tag mal was, was ich noch nie gemacht habe: Ich gehe eine der blauen (= leichten) Touren aus meinem Wanderführer. Die Entscheidung dafür ist nicht einfach. Eigentlich mache ich aus Prinzip nur rote (= schwere) und schwarze (= noch schwerere) Touren. Bloß nix Entspanntes. Ich bin ja nicht zum Spaß hier. Und was soll ich sagen? Blau war gar nicht mal so schlecht. Mit langer Tee-Pause, ein paar Kirchen, Ruinen und Herrenhäusern am Wegesrand, keinen Höhenmetern - hmmmmm.... Sollte ich das womöglich öfter mal machen?

 

Mal gucken - jetzt ist aber erst mal Wanderpause, die nächsten fünf Nächte bin ich in Cambridge und hier ärgere ich mich richtig über den Preis, den ich pro Nacht dafür zahle, dass ich in einem umgebauten Gartenschuppen mit Campingdusche schlafen darf. Vermieterin Wendy ist zauberhaft und völlig unterorganisiert, das ist schon wieder ganz charmant. Cambridge selber ist von Touristen und Schulklassen überlaufen, aber die kleine Universitätsführung am Nachmittag ist trotzdem ganz spannnend. Dieses ganze Universitätsleben scheint mir wie aus dem vorletzten Jahrhundert, in diesen uralten Prachtbauten mit den wunderschönen Gärten, direkt am Fluß - ich möchte sofort Teil der Rudermannschaft des King's College werden und abends im Cocktailkleid mit den Professoren am High Table dinieren.

 

Am Dienstag geht's nach London für einen Tag - mit der Bahn fährt es sich in England ähnlich gut wie in Deutschland, sie ist teuer, voll und unpünktlich. Und dann King's Cross in London aussteigen, kurz über die Straße und runter in die Tube - der Geruch dort ist noch immer der gleiche wie vor 30 Jahren. Ich klappere Covent Garden, Soho, China Town und Camden ab, erinnere mich an all die Straßennamen, erkenne aber nicht so viel wieder. Dann laufe ich über die Themse und verschwinde für die nächsten Stunden in der großen, großartigen und ganz und gar kostenlosen Tate Modern. Ich mag London, auch wenn mir früher dort alles viel größer und fremder vorgekommen ist. Die ganzen Ketten, ob es jetzt Kaffee, Mode, Schmuck oder Essen ist, machen die Städte alle relativ austauschbar. Ich kann überall auf der Welt in einer Kaffee-Kette sitzen, habe W-LAN und guten Kaffee, es ist egal, ob das Tokyo, Seoul, Prag oder London ist. Ich kann überall bei H&M einkaufen, beim Body-Shop oder Accesorize. Als ich das erste Mal in London war, in den 1980ern, war z.B. der Body Shop noch etwas total exotisches und tolles. Heute ist alles überall und wenig einzigartig. Das macht's leicht, aber auch ein bisschen langweiliger.

 

Dafür ist mein Plan am nächsten Tag umso weniger langweilig und ziemlich einzigartig - ich fahre Lamas gucken. Ich hab mal wieder bei den Airbnb-Experiences gestöbert und neben den üblichen Radtouren und Stadtführungen gab's auch was mit Lamas ("Stay calmer and learn about Llamas"). Mach ich das? Nee, was für'n Scheiß. Aber andererseits... Ist doch ganz abgefahren, oder? Also ab zu Tina und ihren Lamas aufs Land. Acht neugierige Lama-Mädchen begrüßen mich beim Ankommen, später lerne ich dann auch noch die beiden Lama-Jungs kennen, Papa und Sohn. Papa Lama darf ich dann auch mal ein bisschen streicheln und herumführen, dann kriegen alle ein bisschen was zum Knuspern von mir und als ich wieder wegfahre bin ich echt ganz glücklich. Ja, und auch ein bisschen ruhiger.

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Kommentare: 2
  • #1

    Nora (Sonntag, 15 Juli 2018 08:54)

    Schön von dir zu lesen.... ja ja die Briten... �
    ... aber Paragliding hätte ich dir echt zu getraut und gerne ein Foto gesehen.
    Und ich freue mich, wenn du bald wieder in HH bist. Also dann bis bald. LG

  • #2

    Angela Dörries (Donnerstag, 19 Juli 2018 21:04)

    Hach, du schreibst und reist so schön. Ich wünschte, es gäbe Verlängerung! Liebste Grüsse