Das war's dann, Katinka

Die letzten vier Tage in Seoul unterscheiden sich nicht so sehr von den ersten vier Tagen. Ich versuche die Balance zu halten zwischen Erschöpfung und Begeisterung, füge den Kaffees noch Matcha Lattes hinzu und mag koreanisches Essen nicht so richtig gern.

 

Nachdem ich mir noch einen tröstlichen buddhistischen Tempel beguckt habe, versuche ich am Freitag, das COEX zu entern, Asiens größte unterirdische Shopping Mall. Ich lande erst drinnen in einer Computerspiel-Messe, draußen dann in einer Demonstration (ca. 25 Menschen mit roten Stirnbändern sitzen auf der Straße und haben offensichtlich eine Botschaft - bewacht werden sie von ca. 50 Polizisten) und danach in einem Foodtruck-Festival, wo ich ein Pilsner Urquell erstehe und einer mongolischen Rockband lausche, die eindeutig viel Coldplay gehört haben. Sie bitten das Publikum immer wieder auf Englisch, es möge doch aufstehen und näherkommen. Macht natürlich keiner. Versteht ja auch hier keiner. Aber Sweatshirts mit dem Aufdruck "Bread and Butter - excellent!" tragen.

 

Oh, und googelt Euch doch bitte mal "Gangnam Style" von Psy. Ich kannte das ja noch nicht und bin drauf gestoßen, als ich ein bisschen zum Thema K-Pop recherchiert habe und das Video ist soooooooo witzig und der Typ tanzt so geil. Und war damit so erfolgreich, dass sie ihm vor dem COEX sogar ein Denkmal gebaut haben. Für die letzten Tage hier wird das mein Gute-Laune-Booster.

 

Am Samstag gucke ich morgens ein bisschen auf dem Fischmarkt rum – hier gibt es alles. Alles! Und alles lebt und wird vor meinen Augen frisch… äh… geschlachtet? Sagt man das so bei Fischen? Frischeres Sushi gibt es nicht, würde ich mal sagen. Dann scheitere ich daran, einen schönen Platz zu finden, an dem ich es essen kann. Ich komme nicht über die Schnellstraße rüber, die mich von Park und Flußufer trennt. Ich renne ewig rum und bevor das Sushi schlecht wird, setze ich mich damit auf eine Betonröhre neben einer Baustelle. Ein Bauarbeiter guckt und keine drei Sekunden später kommt ein Bagger angefahren und fängt direkt neben mir an, ein Loch auszuheben. Sprachbarriere geschickt überwunden.

 

Abends wirds schön, ich habe via Airb'n'b eine Nachtwanderung gebucht und die ist richtig toll. Auf der Stadtmauer klettern wir in die Höhe, während die Dämmerung hereinbricht und als wir oben sind, ist es dunkel und die Stadt glitzert zu unseren Füßen. Die anschließende Makgeolli-Verkostung (ein unfiltrierter Reiswein) finde ich so gehtso, aber in der Runde werden Stimmen laut, die das Zeug ernsthaft mit Prosecco und Riesling vergleichen. Der junge Koreaner neben mir haut fleißig rein, er muss noch bis 7 Uhr morgens feiern gehen. Ich amüsiere mich über die Sprüche, dass es ab 30 aufhört dem feiern und dass man jetzt Party machen muss. Recht haben sie! 

 

Ich verabrede mich mit Linda aus Lettland für den nächsten Tag, es gibt eine Zeremonie in einem Schrein, die verspricht, interessant zu sein. Leider stört ein sehr nasses Tiefdruckgebiet die Angelegenheit unwesentlich und nach einer knappen Stunde ziehen wir triefend ins nächste Café ab. Im Museum für zeitgenössische Geschichte ist's dann aber trocken und danach zeige ich Linda in meiner Haus-Bahnhofs-Shopping-Mall noch, dass auch Frauen über 1,80 in Asien Klamotten kaufen können. Es ist natürlich brechend voll. Shoppen ist hier - wie übrigens auch in Japan - eine äußerst beliebte Wochenendaktivität.

 

Und dann isser da, der letzte Tag meines Mega-Trips. Mein Flieger geht erst nachts, so dass ich mich noch mal mit Linda zum Lunch verabrede und noch ein letztes Mal durch Seoul bummle. Zum letzten Mal Käsekuchen zum Frühstück, zum letzten Mal Matcha Latte bei Starbucks, zum letzten Mal Kimchi zum Essen, zum letzten Mal den Koffer packen, mich zum letzten Mal über meinen hübschen Hotelangestellten in Anzug und Badelatschen freuen...

 

Es ist schon ganz okay, hier wegzukommen, ich bin wirklich platt und Seoul zu verlassen fällt mir nicht so schwer. Wo anders möchte ich eigentlich auch gerade nicht sein, ich hatte zwischendurch mal kurz damit geliebäugelt, noch um ein paar Tage Istanbul zu verlängern, wenn ich da eh schon umsteigen muss, aber nee, passt schon. Nur zu Hause möchte ich eigentlich auch nicht sein. Das Problem kenn ich ja schon und weiß, dass das nicht lösbar ist. Die üblichen Fragen stehen im Raum: Habe ich alles gemacht? Habe ich alles gesehen? Habe ich alles genossen? War ich achtsam genug? Nein, natürlich nicht. Natürlich war ich nicht achtsam genug. Natürlich war ich oft genervt. Natürlich bin ich eben immer noch ich. Natürlich hätte ich wahrscheinlich noch viel mehr machen und sehen und essen und trinken können. Aber mein Körper und meine Seele zeigen mir eben auch, wo ihre Grenzen sind. Ich glaub, ich hab schon ziemlich viel richtig gemacht in den letzten Wochen und Monaten.

 

Aber jetzt fühlt es sich gerade mal wieder sehr komisch an. Um fünf Minuten vor Mitternacht hebe ich ab, Richtung Westen.

 

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