Katinka macht Selfies

Nein, Seoul ist nicht so ähnlich wie Tokyo, nur mit anderen Schriftzeichen. Seoul ist völlig anders und wirbelt mich nach drei Wochen Japan ziemlich durcheinander. Die Hochs und Tiefs sind eng getaktet in diesen Tagen.

 

Schon der Abflug aus Osaka ist schwierig, weil ich offensichtlich mit einer geheimnisvollen Airline fliege, von der keiner weiß, wo ich einchecken soll. Schweißgebadet schaffe ich es kurz vor knapp ins richtige Gate und bin schon zwei Stunden später in Incheon. Den richtigen Bus finde ich noch, aber als ich dann an der Bushaltestelle ausgesetzt werde habe ich keinen Plan, wo mein Hotel ist. Google maps funktioniert hier nicht und mit maps.me stehe ich noch auf Kriegsfuß. Nehme ich doch ein Taxi. Der erste Fahrer tippt herzzerreißend lange auf seinem Navi rum um mir dann zu sagen, dass er keine Ahnung hat. Der zweite ignoriert mich direkt und der dritte schreit begeistert: Hier! um dann auch erst mal wild mit mir durch die Gegend zu fahren und dabei fröhlich Konversation zu betreiben. Aber: Er findet mein Hotel.

 

Die U-Bahn hingegen ist hier gut zu bewältigen, ich habe ja auch ein dreiwöchiges Praktikum "Bahnhof- und Shopping Mall-Orientierung" hinter mir. Wenn ich da an so einen besinnlichen Bahnhof wie "Borgweg" denke... Auf dem Weg zum Jogyesa-Tempel akklimatisiere ich mich ein bisschen und finde es ganz hübsch hier. Im Vergeich zu Japan ist es aber deutlich lauter und viel dreckiger und von der japanischen Höflichkeit kann ich nur träumen. Mit Ellenbogen komme ich hier besser durch als mit "Sumimasen".

 

Im Tempel ist es ganz rege, in der großen Halle sitzen viele Menschen auf Kissen und meditieren oder unterhalten sich, viele haben sich dort im Angesicht dreier Goldbuddhas häuslich eingerichtet mit Getränken, Snacks, Gebetsbüchern und -ketten. Manche scheinen hier zu leben, andere verbringen nur ihre Mittagspause hier mit Niederwerfungen und Meditation. Dazwischen wird fleißig staubgewischt und -gesaugt, um die Meditierenden herum, die sich davon nicht stören lassen. Ich setze mich dazu und schließe irgendwann die Augen, während um mich herum eifrigst weitergesaugt wird. Und für ein paar Momente gelingt mir die Achtsamkeit. Gefühlt das erste Mal seit Tagen.

 

Danach erkunde ich Insa-dong, ein hübsches Viertel mit vielen Cafés, Shops und Streetfood und navigiere mich dann zum Changgyeonggung Palast. Kann aber auch der Changdeokgung Palast gewesen sein, die Namen hier kann ich mir noch schwerer merken als in Japan. Die Architektur ist eher chinesisch und im Bukchon Hanok Viertel gibt es noch ein paar alte koreanische Häuser zu bewundern. Die meisten sind allerdings den viel attraktiveren Hochhäusern zum Opfer gefallen. Mittlerweile gibt es aber eine Wende und das Leben in einem Hanok wird wieder attraktiv für die Koreaner.

 

Am Dientag funzt irgendwie nix und merke, wie alle ich bin von all den Städten, durch die ich seit fast vier Wochen laufe. Das Viertel um die Frauen-Uni herum ist hübsch, aber ich kann nicht den ganzen Tag Kaffee trinken und shoppen. Es folgt die obligatorische Phase von Planlosumherirren, gepaart mit Keineentscheidungtreffenkönnen und Diefalschenschuheanhaben bis ich mich für den North Seoul Tower entscheiden kann. Hier komme ich dann auch wieder zur Ruhe, kann ein gutes Stück auf der Stadtmauer laufen und bleibe dann bis zur Dämmerung im Park mit fantastischem Blick auf die Skyline. Irgendwie muss ich besser für mich sorgen, so geht das nicht.

 

Was mir zunehmend auf die Nerven geht, ist die Selfie-Kultur. Machen die Leute eigentlich noch irgendetwas anderes, als Selfies? Und begucken sich dann den ganzen Tag dabei, wie toll sie aussehen? Guckt überhaupt noch mal irgendjemand hoch von seinem Smartphone? Ist auch nur irgendjemand noch irgendwo auf Reisen, um der Reise willen? Geht es nur noch um die Fotos? Oder bin ich nur neidisch, weil ich auf Selfies immer aussehe wie jemand, der nach einer durchgesoffenen Nacht aus dem Bett gezerrt und zudem noch steckbrieflich gesucht wird? Was steckt dahinter, hinter diesem unfassbaren Narzissmus? Und ist das hier in Korea noch schlimmer als woanders oder fällt es mir nur noch mehr auf, weil ich seit Wochen nichts anderes beobachte?

 

Abends nehme ich mal wieder den falschen U-Bahn-Ausgang, die Verkäuferin im 7/11 knallt mir die Tür vor der Nase zu und ich hab echt die Schnauze voll. Und ab jetzt höre ich auf zu meckern, denn auch davon habe ich die Schnauze voll. 

 

Der Besuch im SeMA (Seoul Museum of Modern Art) erdet mich wieder. Die haben tolle Ausstellungen dort und ich merke, wie mich das Betrachten der Fotos und Bilder und Videos wieder achtsamer macht. Und vielleicht male ich mal was mit Acryl, wenn ich wieder in Hamburg bin, das muss Spaß machen. Oder lerne fotografieren. Ich entscheide mich, nicht noch zum Market zu gehen, nehme den richtigen U-Bahn-Ausgang und schon ist der Tag total entspannt und es geht mir wieder gut. Weniger ist mehr, so platt es klingt, so wahr ist es für mich hier.

 

Die Cooking-Class am Donnerstag führt uns erst über einen Markt, den ich richtig spannend finde - hier hat es interessante Sachen, ganz viel Fisch und Schalentiere, Gewürze und Süßigkeiten, das ist schon fast orientalisch. Bei Anne zu Hause kochen wir Bulgogi und Pfannkuchen und zum Nachtisch dubiose kleine Küchlein von zweifelhaftem Geschmack. Es ist nett, mal wieder mit Leuten zu quatschen und ich mag diese internationalen Gruppen (dieses Mal: England, Frankreich, Deutschland, Singapore), die für ein paar Stunden zusammengewürfelt etwas unternehmen. Zumal wir in unseren Prinzessinnen-Kochschürzen alle ganz zauberhaft aussehen, vor allem die Männer.

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Kommentare: 2
  • #1

    Birgit (Dienstag, 08 Mai 2018 10:22)

    Du siehst wunderschön auf deinen seilfies aus! Mehr davon ;)

  • #2

    Michael (Mittwoch, 06 Juni 2018 20:13)

    Danke dass Du durch Deinen Bericht und Deine Bilder mich ein bißchen mit nach Seoul genommen hast!