Katinka gets lost in translation: Hiroshima

Um Viertel nach acht blieb die Zeit in Hiroshima am Morgen des 6. August 1945 stehen. "Fat Boy" detonierte 600 Meter über der Stadt. Ca. 140.000 Menschen waren sofort tot oder starben bis zum Ende des Jahres. Unzählige weitere starben in den nächsten Jahrzehnten an den Folgen der atomaren Strahlung, der sie ausgesetzt waren. 

 

Ich kann mir nicht andeutungsweise vorstellen, was sich hier vor über 70 Jahren zugetragen haben muss, auch wenn ich einiges über Hiroshima und Nagasaki im Vorwege gelesen habe. Am ersten Abend laufe ich noch zum Friedensdenkmal. Die Ruine der ehemaligen Industrie- und Handelskammer liegt direkt am Fluß, über eine Brücke kommt man in den Friedenspark. Hier werde ich in den nächsten Tagen immer wieder herkommen, nicht nur, weil es mich so berührt, sondern weil es auch einfach ein großer und schöner Park ist, in dem man wunderbar sitzen und die kalten Bratnudeln vom 7/11-Konbini verspeisen kann, während man die anderen Touristen dabei beobachtet, wie sie ihre Selfies machen.

 

Auf den ersten Blick ist Hiroshima eine lebendige Stadt, mit einer Mega-Einkaufspassage und allem Zipp und Zapp, den es in Japan so braucht. Auf den zweiten Blick fallen mir immer wieder Gedenktafeln mit Fotos in der Stadt auf, wie es damals hier ausgesehen hat, oder es stehen kleine Mahnmale und Stelen, viele mit Origami-Kranichen behängt, an verschiedenen Stellen.

 

Den ersten Tag verbringe ich fast komplett im Friedenspark, läute die Friedensglocke in dem Wissen, dass es völlig umsonst ist, betrachte die verschiedenen Gedenksteine und gehe dann noch in die Memorial Hall. Spiralförmig laufe ich nach unten bis in eine große Halle, an deren Wänden die Namen der Menschen stehen, die hier den Tod fanden. Oben in der Bibliothek gibt es Interviews mit Überlebenden zu sehen und Fotos der Menschen. Das raubt mir fast den Atem, denn hier kommt das Grauen sehr nah. Ein Mann erzählt, dass er bis zu seiner Pensionierung nie über das gesprochen hat, was er 1945 gesehen hat. Selbst seiner Ehefrau hat er es erst Jahre nach der Heirat erzählt.

 

Auch hier werden die Zeitzeugen langsam weniger, aber sie bilden Nachfolger aus, damit nicht vergessen geht, was hier geschehen ist. Natürlich waren die Japaner im 2. Weltkrieg kein unschuldiges Volk, ganz im Gegenteil. Aber wie immer in dieser Welt, ob damals oder heute, waren es zum größten Teil die Unschuldigen, die Menschen wie Du und ich, die es ausgebadet haben.

 

Irgendwie bin ich paralysiert heute. Die Tatsache, dass der Strawberry Frapuccino bei Starbucks ausverkauft ist, macht es nicht besser.   

 

Ich will noch mal auf eine Insel, mein Ausflug nach Shikanoshima war so schön letzte Woche. Nach vielem Entscheidungshinundher (Die Insel steht in keinem Reiseführer, lohnt sich das? Bin ich dann die einzige, die da hinwill? Wie verständige ich mich da? Wie orientiere ich mich vor Ort? Gibt es dort überhaupt Getränkeautomaten?) besteige ich die Fähre nach Ninoshima, ein winziges Eiland in der Seto Inlandssee, knappe vier Kilometer von Hiroshima entfernt und habe einen superschönen Tag dort. Ich erklimme den Gipfel vom Aki-no-Fuji (= kleiner Fuji von Aki, weil er so aussieht, wie der große Fuji), fast 280 Meter. Oben ist es mir allerdings etwas zu insektenlastig. Hier fliegen so Megahummeln rum (habe kurz versucht, "Insekten in Japan" zu googeln und sehr schnell wieder davon abgelassen) und selbst die Schmetterlinge haben die Größe von Fledermäusen. Ich steige wieder ab und gucke am Hafen noch sehr lange auf die Inlandssee mit ihren ganzen kleinen Inseln. Hier bin ich total glücklich.

 

Insgesamt hänge ich allerdings gerade ein bisschen durch. Das ganze Sichselbstorganisieren, jeden Tag rumlaufen, gucken, wie komme ich da hin, wo bin ich jetzt gerade, was will ich jetzt, was brauche ich jetzt, wo ist der nächste Starbucks, was hat es hiermit auf sich, was geschah da - das ist anstrengend. Und manchmal fehlt mir auch einfach ein bisschen Kommunikation. Ich hab hier jeden Tag so viel Input und quasi keinen Output, außer dem Schreiben. Aber das gehört dazu und ich gucke halt, wie ich damit umgehe. Zurück nach Hause möchte ich deswegen trotzdem noch lange nicht.

 

Das Friedensmuseum wird leider renoviert, ich kann also nur eine Teil der Ausstellung sehen, aber - ehrlich gesagt - das reicht dann auch. Vor allem die Berichte der Menschen gehen mir an die Nieren. Tagebucheinträge von Müttern, die ihre Kinder suchen, Menschen, die ihre Familie vor ihren Augen sterben sehen, die sich Vorwürfe machen, weil sie nichts tun konnten. Und immer wieder dieses Bild der verbrannten Menschen, die wie Zombies mit vorgestreckten Armen durch die Stadt getaumelt sind und denen die Haut in Streifen herunterhing. Irgendwann merke ich, ich kann nicht mehr, aber dann lese ich eben doch noch die nächste Texttafel und die übernächste, bis ich alle gelesen habe.

 

Dann spricht mich eine Frau an, sie hält gleich einen Vortrag auf Englisch, ob ich Interesse habe. Ich überlege kurz, gehe dann aber hin. Ihr Lehrer und ihre Mutter waren Überlebende. Sehr rührend ist das letzte Bild ihres powerpoint-Vortrags, ein Foto von ihrer Mutter, die heute noch lebt. Und während sie darum bittet, dass wir alle, die wir hier sind, den Frieden in die Welt tragen, kommt eine kleine Sprechblase aus dem Mund der Mutter: „Thank you!“

 

 

Was soll ich danach noch tun? Es bleibt nicht mehr viel außer: Okonmiyaki essen. Eine Spezialität aus Hiroshima (und Osaka), ein sehr mächtiger Pfannkuchen mit allem drauf, was die Küche hergibt (Schwein, Fisch, Nudeln, Gemüse...), übergossen mit Okonimiyaki-Sauce und Mayonnaise. Gutes Soulfood.

 

Nach Einbruch der Dunkelheit sitze ich wieder im Friedenspark, gucke den Fledermäusen zu und den Touristen, die am Kenotaph ihre Selfies machen. Morgen wird es sehr viel regnen, sagt die Wetter-App.

 

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