Katinka gets lost in translation: Nara und Fukuoka

Auf dem Weg von Kyoto nach Nara wird es sehr ländlich. Bis auf die japanischen Dachkonstruktionen könnte man meinen, hier durch eine mitteldeutsche Landschaft zu fahren. Auch die Leute ändern sich. Konnte ich mir in Tokyo nicht vorstellen, dass Japan die am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt ist, fällt mir das hier schon deutlich leichter. Der Szenigkeitsfaktor nimmt ebenfalls deutlich ab.

 

Weil es in Strömen regnet, setze ich mich am Abend im Hotel erfolgreich mit japanischen Waschmaschinen und Trocknern auseinander. Am nächsten Tag treffe ich zwei Freunde aus Hamburg, die gerade in Osaka sind und wir machen einen Ausflug zum Horyuji-Tempel, den ältesten Holzgebäuden der Welt und Japans erstem UNESCO-Weltkulturerbe.

 

Am Tempel-Eingang spricht uns eine Frau an, auf ihrem Schild steht „Good will tours“, sie bietet uns eine Führung umsonst an. Wir sagen Ja und sie freut sich total. Ihr Englisch ist für eine Japanerin wahrscheinlich ganz gut, für mich allerdings ziemlich haarsträubend. Interessanterweise ist sie Englisch-Lehrerin und macht diese Führungen in ihrer Freizeit, um ihr gesprochenes Englisch zu verbessern. Sie hat eine dicke Mappe mit Infomationen zu jedem einzelnen Stein dieses Tempels. Notfalls wird auch mal vom Blatt abgelesen, wenn die Nervosität zu groß wird. Am Ende verabschieden wir uns vieltausendmal unter großem Verbeugen und viel "Arigato gozaimasu" und machen noch Fotos von uns allen – ich bin total gerührt, dass sie sich so sehr gefreut hat, dass wir mit ihr gekommen sind.

 

Am Montag schlendere durch den Park. Hier ist relativ viel los, viele Touristen und viele Rehe, die Maskottchen von Nara, die natürlich von allen gefüttert werden und die die Leute zum Teil sehr aggressiv angehen. Ich erklimme den Gipfel des Mount Wakakusa, immerhin 324 Meter hoch und ein schöner kleiner Ausflug, danach muss ich noch den Todaiji finden, einen sehr beeindruckenden buddhistischen Tempel. Die Haupthalle ist das größte aus Holz gebaute Gebäude der Welt und der Buddha darin ist riesig. Und trotz der vielen Touristen war es ganz schön da drinnen.

 

Insgesamt ist mir Nara aber zu klein und zu touristisch, ich merke, dass ich hier in Japan doch mehr Stadt als Land will und stricke folglich abends meine Reiseroute, die mich eigentlich auch nach Matsuyama auf Shikoku führen sollte, um. Matsuyama fällt weg, Hiroshima kriegt eine Nacht mehr und Osaka kriegt zwei Nächte mehr. Gerade auf Osaka bin ich auch sehr gespannt, das hatte mir damals schon gut gefallen, obwohl wir nur eine Nacht da waren.

 

So ein Shinkansen fährt übrigens wirklich schnell.

 

In Fukuoka verlasse ich die Hauptinsel Honshu und bin jetzt auf Kyushu. Ist aber nicht viel anders hier. Die üblichen Shops und Konbinis, Pachinko & Slot, Starbucks an jeder Ecke (und: Ja, ich bin hier häufig für eine kurze Pause und nun auch - wie anscheinend alle Japaner - dem Strawberry Frapuccino verfallen). Es gibt eine megagroße Shopping Mall, "Canal City", in der man locker einen Tag verloren gehen kann. Ich speise die hiesige Nudelsuppe, Hakata Ramen, im Automatenrestaurant, wo der Tresen mit Trennwänden unterteilt ist und die Bedienung durch ein Fensterchen mit Bambusrollo vor mir erfolgt - ein bisschen, wie in der Peep Show und mit dem Hintergrund, dass man sich hier ganz in Ruhe auf seine Suppe konzentrieren soll. Sehr japanisch. Gefällt mir. Genauso wie der abendliche Auftritt einer J-Pop Kombo bestehend aus vier Mädels im Gothic Lolita-Stil.

 

Worüber ich mich immer wieder freuen kann, sind die ganzen Kleinigkeiten am Rand: Die drei wunderschönen Mitarbeiterinnen der Stadtinformation Fukuoka, an denen ich im Bahnhof vorbeilaufe und die sich synchron vor mir verbeugen (45 Grad). Die Verkäuferin, die im Konbini die Regale einsortiert und dabei die ganze Zeit "Arigatooooooo, arigato gozaimasu, sumimasen, arigatoooooooooooo, arigato gozaimasu" vor sich hinmurmelt ("Arigato gozaimasu" heißt "Vielen Dank", "Sumimasen" sowas wie "Entschuldigen Sie bitte" - mehr brauchst du hier nicht). Dass es hier Menschen gibt, deren einzige Aufgabe es ist, in Uniform und mit einem Leuchtstab bewehrt mich über die Straße zu winken. Der Salaryman, der im Starbucks seinen Minutenschlaf hält und der Kellner, der ganz vorsichtig um ihn herumräumt. Der Mönch, der im größten Gewusel der Hakata-Station vollkommen regungslos steht und um Almosen bittet - nur die Glocke, die er in seiner Hand hält und läutet, bewegt sich. Dass sie dir hier alles mit zwei Händen und einer leichten Verbeugung übergeben, egal ob's die Shinkansen-Reservierung, das Wechselgeld, deine Einkaufstüte oder der Strawberry Frapuccino ist. Das ist alles so viel angenehmer als bei uns.

 

In Fukuoka suche ich vor allem Ruhe, ich bin doch gerade ein bisschen müde, stelle ich fest. Und so bin ich lange im Ohori-Park mit seinem See, Wasserschildkröten und Kois, im Zen-Tempel Shofuku-ji und auf der Insel Shikanoshima, zu der ich mit einer Fähre fahre und von dort aus schon mal einen Blick über den Ozean nach Korea werfe. Am letzten Abend habe ich noch eine Sake-Verkostung und erfahre unter anderem, dass die Zahl der Sake-Brauerein in Japan rapide zurückgeht. Also: Trinkt bitte mehr Sake!

 

Jetzt geht es weiter nach Hiroshima.

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