Katinka gets lost in translation: Tokyo

 

Ist das geil hier!

 

Als ich in Tokyo Haneda in der Ankunftshalle stehe und auf meine Einreise warte, muss ich einfach nur breit grinsen. Das mag auch der Schlaflosigkeit gezollt sein, aber es ist so wundervoll, wie gut sortiert das alles abläuft. Die 5 Kilometer lange Menschenschlange hat sich binnen kürzester Zeit aufgelöst, freundliche Flughafenbedienstete winken mich durch die Schalter, erkundigen sich nach meiner Reise, packen meinen Koffer aus und freuen sich über die solarbetriebenen Gebetsmühlen, die ich aus Nepal eingeführt habe. Der Weg zum Hotel im öffentlichen Nahverkehr ist total entspannt und weil Sonntag ist kostet die Fahrt heute auch nur 500 statt 600 Yen.

 

Nachmittags schaff ich es noch in den Ueno-Park und sehe sogar noch vereinzelt Kirschbäume blühen (zwei, um genau zu sein, vor denen dann alle stehen und Fotos machen). Die Japaner picknicken auf ihren blauen Plastikplanen und ich bin total glücklich, wieder hier sein zu dürfen.

 

Eigentlich habe ich keinen wirklichen Plan für Japan - 2012 war ich ja schon einmal mit einer Gruppenreise hier und fand die ganzen Schreine, Tempel und Burgen relativ ähnlich und nicht so aufregend. Viel spannender war der Rest, das ganze Geblitze und Geblinke, die Leute in ihren supercoolen Klamotten, die Cosplay-Kids, die Getränkeautomaten, die Ramen-Bars und die Pachinko-Höllen, sprechende Fahrstühle, Toiletten mit Musik und beheizter Klobrille und zwitschernde Ampeln - davon wollte ich mehr.

 

Und in Tokyo geht der Plan, keinen zu haben, auch total gut auf. Die ersten Tage sitze ich viel in Cafés und baue den Nepal-Schreibstau ab. Mein neues Lieblingsspielzeug ist mein Pocket-WiFi, das ich mir bereits von Deutschland aus bestellt habe und das es mir ermöglicht, überall und mit allem online zu gehen. Wenn ich nicht sitze und schreibe laufe ich extrem viel rum in den verschiedenen Vierteln. Shimo Kitazawa ist gerade ganz angesagt, da gibt es viele Vintage-Shops und nette Cafés, ist vielleicht so'n bisschen so'ne Mischung aus Schanze und Karoviertel. Kontrastprogramm dazu ist Akihabara, Electric Town. Spielhalle reiht sich an Kaufhaus reiht sich an Elektronikwarenhaus, dazwischen stehen sehr junge Frauen in sehr kurzen Röcken auf der Straße, um die Leute ins Maid-Café zu locken, überall dröhnt Musik, ein unglaubliches akustisches Gebräu, und natürlich Massen an Menschen.

 

Hier könnt Ihr mit mir, wenn Ihr mögt, einen kleinen Rundgang durch eine japanische Spielhölle machen (Achtet bitte auf die Öffnungszeiten, am Anfang des Films...). Das Kennwort ist: thisishell

 

Am nächsten Tag streune ich durch Yanaka, was auch sehr beschaulich ist und wo ein bisschen die Zeit stehengeblieben scheint. Ein Kellner verliert meinetwegen das Gesicht, weil ich das Restaurant durch die falsche Tür betrete und mich dann auch noch an einen freien Tisch setzen will - besser wäre natürlich gewesen, draußen auf einen Tisch zu warten und den Laden durch die richtige Tür zu betreten. Die Kellnerin in meinem Frühstückscafé hat gestern auch bereits ihr Gesicht verloren, als ich ihr Trinkgeld gegeben habe, was man hier nicht macht.

 

Nachmittags mache ich eine Radtour mit Brad und Chad durch Setagaya, das ist mal was anderes. Brad kennt sogar die Critical Mass und hat auch mal versucht, sowas in Tokyo anzuzetteln. Hat nicht funktioniert, weil die Japaner zu nett und rücksichtsvoll sind.

 

Als wir eine Baustelle passieren (der Bauzaun ist hübsch mit Stiefmütterchen bepflanzt und die Anwohner haben Steckbriefe von ihren Hunden draußen drangeklebt – nicht, weil die ihnen hier ständig weglaufen, sondern weil sie so stolz auf sie sind.) macht Chad mich auf eine Digitalanzeige aufmerksam – sie zeigt an, wie laut die Baustelle ist. Wenn es zu laut wird, hört man erst mal auf zu arbeiten. So ist das hier.

 

Dann erschließe ich mir noch Harajuku, DAS Mode-Viertel, was unglaublich schrill und bunt ist, lasse erneut eine Verkäuferin das Gesicht verlieren, in dem ich sie nach einem Adapter für deutsche Stecker frage (sie schickt mich direkt in die Kosmetik-Abteilung), gucke noch kurz beim Meiji-Schrein vorbei und atme bei bei einem unglaublichen hübschen Erdbeerküchlein kurz durch, bevor ich zum Asakusa-Schrein fahre.

 

Am Freitag habe ich morgens eine Cooking Class mit Yukari. Erst gehen wir alle in den Supermarkt zum einkaufen und jetzt weiß ich, wie Wasabi aussieht. Dann fahren wir in ihr Studio und kochen unglaublich leckere Sachen wie z.B. Tamago (das kennt Ihr ja alle vom Sushi, gelle?!), ein Omelette für sehr geduldige Menschen und zum Nachtisch bauen wir ein leckeres, wenn auch völig unförmiges Erdbeer-Mochi. Ich fahre danach noch nach Shinjuku um mir Tokyo von oben anzugucken und noch ein bisschen buntes Shopping-Leben einzusaugen. In den Food-Halls von Takashimaya blättere ich ohne mit der Wimper zu zucken 702 Yen (= 5 Euro) für zwei Kugeln Eis hin: Creamy chocolate und Salt.

 

Japan macht es einem sehr leicht. Es ist einfach alles gut organisiert, hier passiert nix, du gehst nicht verloren, du musst keine Angst haben, außer vielleicht vor einem Erdbeben. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert perfekt und selbst abends, wenn die Züge in Tokyo wirklich, wirklich voll sind, ist alles entspannt. Man steht Schlange vor der Zugtür (wo man zu stehen hat, ist auf dem Bahnsteig markiert), lässt erst alle raus und dann steigen so viele ein, wie eben reinpassen. Wer nicht mehr reinpasst, nimmt den nächsten Zug, der in spätestens zwei Minuten kommt. Natürlich ist es im Zug sehr voll und gedrängt, aber selbst da sind alle sehr stoisch. Und irgendwann steigt man ja auch wieder aus. Überhaupt sind die Bahnhöfe hier unfassbar groß und ich habe noch nicht rausgefunden, wo der Bahnhof aufhört und die Shopping-Mall anfängt. In meinem Bahnhof, Ueno-Station, könnte ich so schon eine Woche Urlaub machen, da müsste ich gar nicht nach Tokyo reinfahren. Noch schöner ist natürlich Shinjuku, DER Bahnhof schlechthin. Was bin ich hier an Kilometern gelaufen beim Um- und Aussteigen.

 

Jetzt sitze ich im Shinkansen nach Kyoto, auch das ist eigentlich ein Blog-Eintrag für sich. Ich finde es gerade schwer, was ich schreiben möchte, denn jeder Tag ist voll von tausend kleinen Details, die Japan für mich so spannend und schön machen. Die japanische Ästhetik, die einem an jeder Ecke begegnet. Die Japaner und ihre Art, mit Freundlichkeit und großer Hilfsbereitschaft bei gleichzeitig maximal hoher Sprachbarriere alles möglich zu machen. Wenn ich im Moment an Deutschland denke, sehe ich eine graue triste Servicewüste mit vielen sehr aggressiven Menschen vor mir. Natürlich bin ich auch hier nur eine Touristin und lebe nicht in Tokyo und sicherlich muss die ganze Freundlichkeit und Höflichkeit und das ganze "kawaii" auch irgendwo hin, sonst würden sie wahrscheinlich nicht so krasse Filme machen oder dieses sexuelle "Paralleluniversum" haben.

 

Nun denn - ich fahre jetzt nach Nara, da war ich noch nicht. Mal gucken, was das kann.

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