Denkste, Katinka!

"Ab jetzt passiert nix aufregendes mehr..."  - ganz große Fehleinschätzung! Zugegeben - der Weg von Phakding nach Lukla ist tatsächlich unspektakulär, ich habe mich an Jokpes, Maultiere, voll beladene Träger und lustigbunte Trekker gewöhnt und freue mich nach acht spartanischen Nächten wirklich sehr auf das ****Hotel in Kathmandu. Aber der Weg dorthin ist weiter, als gedacht...

 

Alleine gestern sollen 800 Touristen in Lukla angekommen sein. Ein bisschen beneide ich sie um das, was sie erleben werden. Die Lodge in Lukla ist ganz finster, dagegen war selbst Thame first class. Abends nehmen wir Abschied von unserer Mannschaft, das ist ganz herzig, sie singen noch was für uns und dann tanzen wir. D.h., die Träger, Anne und ich tanzen und die Sherpas haben ihren Spaß und filmen uns.... Unsere Party ist allerdings schnell vorbei, deshalb folgen wir noch dem Gegröhle aus der nebenan gelegenen Buddha-Lodge, wo wir in eine Horde wildgewordener Amerikaner geraten und dort weiterfeiern.

 

Die Nacht ist kurz, das macht in diesem Fall aber nichts, ab halb sieben starten die Propellermaschinen im Minutentakt. Als wir dann zum Flughafen wollen, startet gar nichts mehr. Die Wolken hängen zu tief, kannste nix machen. So ist das in den Bergen.

 

8.00 Uhr: Wir warten in der kalten Lodge.

 

11.05 Uhr: Plötzlich wird es hektisch, unsere Maschine ist in Kathmandu gestarteten, wir laufen zur Abflughalle, verabschieden uns von Sherpa 1 bis 3 und sind ganz aufgekratzt.

 

11.30 Uhr: Die Maschine musste wieder umdrehen. In der Abflughalle ist es voll und kalt, tausend stinkende Menschen, weil seit Tagen nicht geduscht und alle husten. Ein bisschen wie in der Notaufnahme.

 

12.43 Uhr: Wir wechseln von der Abflughalle ins gegenüberliegende Café. Es wird unwesentlich wärmer.

 

13.13 Uhr: Wir warten noch zwei Stunden und fliegen dann entweder Flugzeug oder Helikopter.

 

14.27 Uhr: Wir fliegen - wenn überhaupt - Helikopter.

 

15.34 Uhr: Die ersten vier von uns können los. Ich bin total aufgeregt. Die Hubschrauber landen im Minutentakt.

 

17.20 Uhr: Wir fliegen (und nach ca. 30 Minuten Flug kann ich mich sogar ein bisschen entspannen).

 

Vor lauter Aufregung und Hektik und Helifilmemachenmüssen lasse ich dann meinen Rucksack auf dem Rollfeld stehen. Macht nix, sind ja nur alle meine Dokumente drin. Bis ich abends in Kathmandu den erlösenden Anruf kriege, dass Puri ihn sichergestellt hat und morgen mitbringt, ist der Tag gelaufen. Der Lärm, das Verkehrschaos und der Dreck von Kathmandu tun ein übriges dazu. Ich will hier nicht sein!

 

Und so sehr ich mich in dieses Hotel gesehnt habe, so sehr will ich wieder zurück in die Berge. Ich fühle mich wie Falschgeld. All die anderen Reisegruppen, die Gespräche, von denen, die auch das erlebt haben, was wir erlebt haben – das stört mich. Als ob sie mir etwas wegnehmen. Natürlich sind alle nur hier, weil sie zum Basecamp wollen, oder die Drei-Pässe-Tour machen oder die Annapurna-Umrundung. Ich bin ja keinen Deut individueller als sie.

 

Nach einem chilligen Vormittag gibt es eine Runde Siteseeing in Kathmandu. Den Anfang macht eine Tempelanlage, wo die Hindus ihre Toten verbrennen – und dachte ich vor zwei Tage noch, die Reise ist zu Ende, weil jetzt nix überraschendes mehr kommen kann, werde ich mal wieder eines besseren belehrt.

 

Es ist heiß und überall ist Rauch und Gestank in der Luft, es brennen Feuer, Affen springen um uns herum und es riecht nach – ja, das ist dann wohl verbrennendes Fleisch. Wir gehen über eine Brücke am Fluß und sehen dort die Leichen zugedeckt liegen. Ein Körper liegt am Fluß und die Angehörigen gießen Wasser über Kopf und Füße. Ich denke natürlich an meinen toten Vater. Der Anblick ist schon irgendwie schockierend, aber es ist eben auch das Leben hier. Nach den Waschungen wird der Körper auf eine Trage verbracht und zugedeckt. Auf der anderen Seite der Brücke sehen wir die Scheiterhaufen brennen. Der Tote wird auf einem Holzstoß abgelegt, seine Söhne gehen mit dem Feuer in der Hand drei Mal um ihn herum, dann wird sein Kopf angezündet. Jemand legt mehr Holz auf den Körper und dann brennt ein weiterer Scheiterhaufen. Wenn alles verbrannt ist, wird es in den Fluß gekehrt.

 

Ich fühl mich nicht so richtig wohl hier und auch beim weiteren Gang durch das Tempelgelände komme ich mir irgendwie sehr dreckig vor. Uralte Mönche sitzen herum, mit Bemalung und Gelöt um den Kopf – alles so gar nicht meins. Wir laufen zu Fuß zum Stupa von Bodnath, auch das nicht wirklich schön. Staubig und dreckig und eben sehr, sehr fremd. Den Stupa wiederum finde ich sehr schön und tröstlich.

 

Und dann muss ich mich auch schon von allen verabschieden, die Gruppe fliegt morgen früh schon, ich erst nachts.

 

Das Aufwachen am nächsten Tag fühlt sich ein bisschen wackelig an. Abschied ist ja nicht so meine Disziplin. Jetzt kommt das nächste große Unbekannte. Ich gucke mir zu und frage mich: Bin ich das? Die zwei Wochen in Nepal wandern war? Die fast auf dem Dach der Welt war? Die jetzt in Kathmandu in der Rooftop-Bar des Hotels sitzt und anfängt, ihren Blog zu schreiben, während sie auf den Flug nach Tokio wartet? Bin ich das? Ich bin doch nur ich, Katja Welser. Ich kriegs gerade nicht zusammen.

 

Dann einen Banana-Lassi getrunken, Club-Sandwich gegessen, der Dämmerung beim hereinbrechen zugeguckt, nicht weggewollt. Aber Mulberry Hotel ist natürlich nicht Kathmandu. Noch einen Umsonst-Transfer zum Flughafen gekriegt und dann sitze ich im sehr wuseligen Gate und unterhalte mich mit Anil, einem nepalesischen Ingenieur, der in China lebt und fest davon überzeugt ist, dass Nepal in 10 Jahre wirtschaftlich ganz weit vorne ist.

 

Ich wünsche mir, dass er Recht hat.

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Kommentare: 3
  • #1

    Stefan (Mittwoch, 11 April 2018 20:56)

    Der Nepal-Bericht berührt, beeindruckt stark und regt sehr zum Nachdenken an.
    Ganz wundervoll beobachtet und geschrieben.

  • #2

    Petra (Donnerstag, 19 April 2018 21:46)

    Namaste liebe Katja, endlich nehme ich mir die Zeit und schreibe! Wie schön Deine Reiseberichte sind... Danke dafür!!! Fast 2 Wochen liegen hinter uns, als wir gemeinsam durch das Himalaya trekkten! Oft stumm hinter einander her, aber auch hier und da unsere Gespräche an die ich gerne zurückdenke! Ich hoffe Du bist gut in Tokio angekommen und hast weiterhin eine beeindruckende und staunende Zeit! UND endlich nimm ich mir die Zeit um DANKE zu sagen, danke für "Du weisst schon was" und danke für das Hinterlassen Deiner "MAMMUT-JACKE!!"
    Sei behütet!! Liebe Grüße aus Bayern, Petra

  • #3

    Angela Dörries (Freitag, 20 April 2018 07:18)

    Ach Katja, das ist ja schön geschrieben! Habe dich dort sehen können und deine Umgebung vor meinen Augen gesehen!