Katinka läuft bistaarai

Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster gucke, schneit es. Es geht mir etwas besser, aber gut geht anders. Nach Kaffee und Frühstück ist dann plötzlich und zu meinem großen Erstaunen alles wie weggeblasen. Ich bin total glücklich.

 

Eine Akklimatisierungs-Wanderung zum Hotel Everest View (3.880 Meter) steht heute an, 400 Meter hoch und wieder runter. "Bistaarai, bistaarai! - Langsam, langsam!". Das werden unsere Guides in den nächsten Tagen immer wieder sagen. Anders geht es allerdings auch nicht. Mit Minischritten und in Zeitlupe kriechen wir den Berg hoch. Heute sollen wir zum ersten Mal den Everest sehen können. Bisher hüllt er sich allerdings in Wolken, zeigt sich dann aber noch rechtzeitig zum Kaffee auf der Hotelterasse. Ich hatte ihn mir spektakulärer vorgestellt. Aber das Wissen, dass ich hier gerade sitze und auf den höchsten Berg der Welt gucke - das macht mich ganz schwindelig. Und zusammen mit Lhotse und Ama Dablam ist die Aussicht schon ganz spektakulär.

 

So langsam hab ich auch das Kältetiming drauf - nach der Wanderung erst shoppen (ich muss leider wegen der Temperaturen noch weiter aufrüsten), dann zu Herman (German Café und Bakery), Kaffee, Kuchen und WLAN, dann ins Zimmer, in voller Montur kurz räumen, Dusche anmachen und für warmes Wasser beten während ich mich ausziehe, über warmes Wasser freuen, duschen, superschnell wieder anziehen und runter an den Ofen. Da sitze ich dann lustig zwischen den Sherpas. 

 

Am Samstag büßen wir ein Viertel der Gruppe ein - Uli ist angeschlagen, er bleibt in Namche und steigt nicht weiter auf. Christina und Sebastian fliegen mit dem Helikopter nach Kathmandu, seiner Mutter geht es nicht gut. Da sind wir nur noch neun und außerdem bin ich jetzt die langsamste der Gruppe. Damit baue ich im zweiten Teil der heutigen Wanderung nach Thame (von 3.400 auf 3.800 Meter) gehörig rum. Puri macht den Schlussläufer und zeigt mir ständig lustige Sachen am Wegesrand, was er natürlich nur macht, damit ich ohne schlechtes Gewissen stehen bleiben kann. Das ist zwar sehr nett, aber ich frage mich die ganze Zeit, wann den anderen eigentlich der dritte Lungenflügel gewachsen ist, der mir hier gerade fehlt. Achja, schneien tut's natürlich auch seit geraumer Zeit. 

 

Thame wurde vom Erdbeben 2015 komplett plattgemacht. Dass die Erde sich bewegen kann übersteigt mein Vorstellungsvermögen, auch wenn man hier überall noch sehr deutlich sieht, dass sie das sehr wohl tut.

 

Die Lodges übersteigen ebenfalls mein Vorstellungsvermögen - nach Phakding (Jugendherbergs-Charme) dachte ich schon: Mal gucken... Namche war dann schon deutlich reduzierter und die Lodge in Thame besteht aus Blech und Holz und durch die Ritzen pfeift der Wind. Nur zelten ist noch schöner. Zimmertemperatur: 2 Grad Celsius. Aaaaaaber - es hat warmes Wasser! Und viel mehr brauche ich eigentlich auch gar nicht. Abends sitzen wir - wie immer - am Ofen.

 

Die nächste Tageswanderung bringt uns auf 4.200 Meter und wieder runter. Oben machen Anne und ich lustige Hüpffotos und lachen uns tot dabei. Danach gucken wir noch ins Kloster Tengboche. Draußen im Klosterhof spielen zwei kleine Klosterschüler mit den Sherpas und einigen aus unserer Gruppe Fußball.

 

Nachmittags Freizeit, die bei dieser Kälte eine Herausforderung ist. Der Wirt tut sich schwer damit, uns den Ofen vor halb fünf anzumachen, man fragt sich, warum. Aber Yakscheiße ist eben auch Energie und die ist hier oben ein knappes Gut. Für die Jahreszeit ist es tatsächlich zu kalt und die Wanderung zu unserer letzten Lodge nach Kongde können wir nicht machen, weil das Tal, durch das wir müssen, vereist ist. Es gibt zwei Alternativen: Ein kurzer Hubschrauberflug nach Kongde oder auf dem gleichen Weg wieder zurück nach Namche. Wir entscheiden uns für den Heli, der uns am nächsten Morgen abholt und in zwei Partien nach oben bringt.

 

Der Flug ist kurz, aber ich schaffe es maximal, ein paar Mal vorne rauszulinsen, ansonsten quetsche ich Annes Arm und betrachte die Reißverschlüsse meiner Wanderhose. Aber oben dann der Blick! Lhotse, Everest, Nuptse, Ama Dablam - ich kann mich kaum lösen. Hier bin ich - nur gute 4.000 Meter unter dem höchsten Punkt der Erde!

 

Und wären nicht die Wasserleitungen eingefroren, wäre die Lodge in Kongde die beste von allen. So bleibt nur ein großer Wassereimer im Bad mit einer Eisschicht drauf. Im Zimmer steht mir der Atem vor dem Mund.

Die Tageswanderung geht hoch zum Sherpas Peak auf 4.500 Meter. Der höchste Punkt dieser Reise. Ich bin extrem am kämpfen, fluchen und nach Luft schnappen. Oben liegt dann auch noch Schnee, auf dem ich immer wieder ausrutsche. Ich könnte kotzen. Und komme dann doch irgendwann oben an. Anja gibt mir einen Stock ab, Anne spendiert einen Energieriegel und Anjas 15:30-Technik zieht mich den Rest nach oben. Wofür? Für die 4.500 Meter. Oben ist keine Sicht, leichter Schneefall, eine Wolke zieht vorbei, es stürmt und ist kalt.

Nachmittags sitzen wir um den Ofen, der hier luxuriöserweise schon vor 18 Uhr angezündet wird und als Sherpa 2 mit Wärmflaschen für uns alle kommt, gibt es kein Halten mehr. Am nächsten Morgen gibt‘s auch keine Katzenwäsche. Irgendwie ist das in dieser Kälte einfach mal alles egal. Kein Strom, kein Wasser, kein WLAN, aber einen Holzofen, heißen Kaffee und einen Sonnenaufgang. Ich bin so glücklich. 

Nach dem Mittagessen geht es wieder runter nach Phakding, fast 1.600 Meter,
über Steine und durch staubigen Sand, die Knie tun mir weh, immer wieder rutsche ich und meine Laune... könnte besser sein. Aber auch das ist irgendwann vorbei, wir kommen zum Haus von Sherpa 1 und es gibt Tee und Kekse. Und dann sind wir wieder in Phakding und alles fühlt sich plötzlich sehr zu Ende an. Die Lodge ist vertraut, ich kann wieder atmen, es ist vergleichsweise warm hier und Uli ist auch wieder bei uns. Morgen gehts wieder auf den Highway nach Lukla und das wars dann. Melancholie macht sich in mir breit und eine leise Traurigkeit darüber, dass ich die Zeit weder anhalten noch zurückdrehen kann.

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