Katinka geht dann mal trekken

Bevor ich nach Nepal starte, mach ich erst noch mal die Panikbaustelle auf - zwischendurch bin ich so entspannt, das kann nicht sein. Also gucke ich sicherheitshalber noch mal auf die Seite des Auswärtigen Amtes und nun habe ich Angst vor Erdbeben und Attentaten, Flugzeugabstürzen und Hängebrücken, japanischer Enzephalitis, Malaria, Höhenkrankheit, der Virusgrippe und Montezumas Rache sowieso. Geht doch.

 

Nach entspanntem Flug (ab Istanbul wird die Funktionsklamottendichte deutlich höher) und vierstündiger Warterei auf das Visum bin ich in Bakhtapur. Das ist neben Kathmandu und hier ist alles sehr anders. Ich glaub, so anders fand ich selbst Teheran nicht. Viele Motorräder, viel Staub, viele Menschen, viele Tiere, viele Tempel. Und viel bunt, besonders die Frauen in ihren Saris finde ich schick. Überhaupt sind die Menschen hier sehr hübsch. Nachdem ich den Fluchtreflex niedergekämpft habe, begucke ich die "Altstadt", die nicht nur viele Tempel und Pagoden hat, sondern wo ich auch sehe, wie viele Häuser dort beim Erdbeben 2015 eingestürzt sind. Überall wird gemauert und gehämmert, alles in Handarbeit.

 

Die Gruppe findet sich am Abend und am nächsten Tag geht es per Bus von Kathmandu ins Annapurna-Gebiet. Alleine die Busfahrt würde eigentlich schon für einen eigenen Blog-Eintrag reichen. Für 200 Kilometer brauchen wir 11 Stunden, Straßen sind quasi nicht vorhanden, die Schlaglöcher so groß, dass es mir fast die noch verbliebenen zwei Bandscheiben raushaut. Das Straßenbild ist wild, überall Lädchen an Lädchen, dazwischen überqueren in Saris gewandete Frauen die Straße mit einem Tablett in der Hand mit einem Tee und Blumen drauf. Die Gefährte fahren scheinbar völlig willenlos durch die Straßen, das Gepäck auf dem Dach, die Busse sind völlig überfüllt, obendrauf sitzen auch noch Menschen und während der Fahrt wird gerne mal außen rumgeklettert. Überholvorgänge signalisiert man mit hupen, der zu Überholende nimmt Rücksicht und der Gegenverkehr bremst auch besser mal. Während man überholt, kann einen durchaus noch mindestens ein Motorrad überholen, das geht.

 

Ich bin völlig gerädert von dieser Busfahrt. Leider regnet es ab Pokhara und wir dürfen den Rest bis zur Lodge nicht zu Fuß laufen, Guide Puri hat Angst, dass wir uns erkälten. Stattdessen werden wir in zwei Jeeps gestopft, auf eine Rückbank passen da bei entsprechender Stauchung locker vier Personen mit Rucksäcken, vorne gehen auch noch zwei auf den Beifahrersitz und einer reicht seinen Regenschirm rein und hängt sich noch draußen ran – läuft! Hysterisches Gelächter wechselt sich ab mit panischem Gekreische. Und dann geht’s die Buckelpiste hoch zur Lodge bis ein Federbein bricht und wir den allerletzten Rest doch zu Fuß machen. Oben lichten sich dann für einen Augenblick die Wolken und geben den Blick frei auf schneebedeckten Gipfel und plötzlich kriege ich eine Ahnung, wo ich hier bin.

 

Am Morgen haben sich die Wolken verzogen, in der Morgendämmerung kann man sie sehen, die 7.000er – es ist ein überwältigender Anblick. Draußen fangen langsam die Vögel an zu singen und das tun sie ganz anders als zu Hause.

 

Heute und morgen ist Anwandern angesagt. Eine kleine Strecke runter zum Fluß, erste Kontaktaufnahme mit einer Hängebrücke, die Landschaft ist hier grün und sehr National Geographic, Ziegen und Wasserbüffel, die Menschen, die hier leben und arbeiten, im Wald sehen wir Affen und auf dem Weg kommen uns drei alte Frauen entgegen und die kleinste, die mir knapp bis zum Busen reicht, stürzt mit weit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Was tun? Es gibt ein kleines Handgemenge mit Anfassen, wir machen Fotos, danach wollen sie Geld von uns. Hmmm. 

 

Nach dem Mittagessen versuchen Anne und ich uns im lodgeeigenen Onsen (es ist eine japanische Lodge), der wirklich sehr heiß ist. Weil wir praktisch denkende Frauen sind, gehen wir nur in unsere (recht knappen) Handtücher gewickelt über die Wiese zum Onsen. Den alten nepalesischen Lodge-Mitarbeiter freut's und beim Abendessen werden wir den Eindruck nicht los, dass uns alle männlichen Mitarbeiter irgendwie verschwörerisch angucken.

 

Schon der nächste Tag wird tough, nach kurzer Wellness-Wanderung mit traumhaftem Ausblick geht es über gefühlte 5.000 Stufen bergab, es folgt eine weitere holprige Busfahrt nach Pokhara und dann der erste Inlandsflug mit Yeti-Airlines nach Kathmandu. Die charmante Stewardess schaffte es sogar, uns in den 25 Minuten, die der Flug dauerte, mit Watte für die Ohren, Bonbons, Erdnüssen und quietschsüßer Limonade zu versorgen und auch noch alles wieder einzusammeln. Dann im Stau zum Hotel und die Everest-Pack-Logistik für die nächsten Tage in Angriff nehmen. Wir haben alle einen Packsack bekommen und dürfen 10 Kilo mitnehmen. Oben soll es kalt sein. Ich brauche noch eine neue Wanderhose, die alte hat den Abgang gemacht. In einem der zahlreichen Outdoor-Ausstattungsläden werde ich von drei Mitarbeitern umfassend beraten und erstehe ein schickes Fake-Jack-Wolfskin Modell. Die Umkleide ist der Laden selbst, nur keine Hemmungen.

 

Nach einer sehr kurzen Nacht starten wir um 5 Uhr wieder zum Flughafen. Mit Tara-Air geht es nach Lukla. Der Tenzing-Hillary-Airport ist einer der gefährlichsten Flughäfen der Welt, die Start- und Landebahn ist 527 Meter lang, die Flieger landen quasi bergauf und starten bergab. 2008 ist hier eine deutsche Reisegruppe tödlich verunglückt. Am Ortseingang von Lukla steht ein Stupa für sie mit ihren Namen. Das fühlt sich komisch an, das könnten auch wir sein.

 

Sind wir aber erst mal nicht. Nach der Landung scheuchen uns Flughafenbedienstete mittels Trillerpfeife zum Ausgang. Kalt hier. Puri stellt uns unsere Mannschaft vor. Wir haben vier Träger, die jeder dreißig Kilo unseres Gepäcks tragen werden. Die Sherpas 1 bis 3 sind für Notfälle da oder falls mal einer von uns nicht mehr kann. Kochen tun sie auch. Mindestens einer ist immer vorne, einer immer hinten. Ab hier geht alles nur noch zu Fuß. Alles, was wir in den nächsten Tagen essen, trinken und kaufen werden, wurde von Trägern, Maultieren, Jokpes oder Yaks hochgebracht. Alles. Hier fährt kein Auto und kein Bus.

 

Wir reihen uns auf dem Highway ein und laufen los nach Phakding. Am ersten Tag komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Was die Träger auf dem Rücken haben, die uns alle naslang überholen, natürlich in Badelatschen oder maximal Sneakers, immer wieder lassen wir Maultiere und Jokpes vorbei, jemand kommt uns im Galopp auf einem Pferd entgegen, eine kranke Frau wird von vier Trägern auf einer Bahre im Laufschritt ins Tal gebracht, die Versorgungslage ist gut: Alle 50 Meter ein Büdchen, überall wehen die Gebetsfahnen und wir drehen unzählige Gebetsmühlen. Es ist viel los auf dem Weg, denn er führt nach Namche Bazar und von da aus geht es für die meisten weiter zum Everest Basecamp.

 

Schon in Phakding ist es in der Lodge sehr kalt und es gibt kein warmes Wasser, weil sie mit Solarenergie arbeiten. Also kurz kalt duschen und dann an den warmen Ofen schmiegen. Nach Sonnenuntergang wird es richtig kalt.

 

Ich denke viel über die Menschen hier nach und meine Rolle als Touristin. Mein Luxusleben. Meine Luxusgedanken. Meine Luxussorgen und Luxusbaustellen. Es beschämt mich. Und ich bin eben hier. Und führe mit Christian die Nachhaltigkeitsdebatte der Biodeutschen. Wie lächerlich angesichts von all dem, was ich hier an Elend und Zerstörung in der letzten Woche gesehen habe.

 

Am Donnerstag laufen wir nach Namche Bazar und jetzt wird's interessant. Wir machen 800 Höhenmeter und knacken die 3.000 Meter-Grenze. Und das merke ich deutlich. Nachdem ich mit Todesverachtung die Hillary-Bridge überquere, indem ich ein kurzfristig aufgehendes Mut-Zeitfenster nutze und mich an eine Horde Tragetiere anhänge (die bleiben wenigstens nicht mitten auf der Brücke stehen und machen Selfies) geht es stetig bergauf und ich merke relativ schnell, dass es anstrengend wird. Also kleine Schritte machen. Langsam gehen. Stehenbleiben. Durchatmen. Wasser trinken. Weitergehen. Irgendwann setzen die Kopfschmerzen ein und werden immer schlimmer. Kurz vor Namche hilft auch die Cola nicht mehr.

 

Als wir Namche erreichen, bin ich platt. Hier ist es noch kälter, hat aber eine warme Dusche. Abends geht's mir nicht so toll, im Gedärm rumort es, die Kopfschmerzen brüllen, ich friere, mein Kreislauf ist unten und Appetit habe ich auch keinen. Das bisschen, was ich esse, rutscht irgendwie nicht so richtig die Kehle runter. Ich frage mich, was ich hier eigentlich tue und habe Schiss, der Höhenkrankheit anheimzufallen und umdrehen zu müssen. Mit Mütze, Fleece und langer Unterhose verkrieche ich mich zeitig unter Daunenschlafsack und zwei Bettdecken.  

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