Katinka ist Jesus auf den Fersen

Israel - ein sehr, sehr spannendes Land, das mir fast jeden Tag gezeigt hat, dass ich eigentlich nur eins weiß: Dass ich nichts weiß. Und das mich, vor allem im zweiten Teil der Reise, viel hat staunen lassen. Im ersten Teil hingegen hat es sich zurückgehalten und sich nicht unbedingt von seiner schönsten Seite gezeigt. Aber besser so, als andersrum, oder?

 

Sowohl Anreise als auch Zeitverschiebung sind völlig unspektakulär und mein Iran-Visum im Reisepass wird vom Grenzbeamten zwar ausführlich beäugt, fällt aber nicht weiter ins Gewicht. Die Reisegrupppe findet sich schnell, natürlich sind die Frauen in der Überzahl, und wir fahren von Tel Aviv am Westjordanland lang nach Nazareth, von wo aus wir in vier Etappen auf den Spuren von Jesus durch Galiläa wandern sollen. Nazareth selber ist nicht so aufregend, wir begucken ein paar Stellen, an denen Maria verkündigt wurde, dass sie demnächst einen Heiland gebären würde, und ich finde es spannend, die Menschen, die zum Gottesdienst in die Verkündigungsbasilika kommen, zu beobachten, denn sie haben sich ausnahmlos alle wirklich schick gemacht dafür.

 

Die erste Wanderung führt uns durch eine Waldlandschaft, die schön sein könnte, würden die Menschen dort nicht tonnenweise ihren Müll entsorgen. Der Abstieg nach Kana zwischen alten Sofas und Matratzen erfordert schon eine hohe Trittsicherheit. In der Hochzeitskirche erwarten uns dann zum ersten Mal Massen an Menschen, viele davon Pilgergruppen. Das wird - außer auf den Wanderungen - auch bis Jerusalem so bleiben.

 

Am nächsten Tag laufen wir, trotz schlechter Wettervorhersage, weiter auf dem Jesus-Trail zum Kibbuz Lavi. Der Müllanteil im Wald nimmt ab und im Kibbuz erwarten mich ein Zimmer mit vielen Wollmäusen, abends ein fantastisches koscheres Abendbrot und sehr, sehr viele Menschen. Meine Vorstellung von einem Kibbuz als einem lauschigen kleinen Ort mit ein bisschen Landwirtschaft und ein paar kleinen, heimeligen Hütten werfe ich dann mal über Bord. Hier werden um die 300 Menschen im Gästehaus beherbergt und verköstigt. Nach dem Essen gibt es einen Vortrag über Kibbuz-Geschichte und das Leben dort, der bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich eine Frau hinter mir beherzt in einen Papierkorb erbricht, echt ganz interessant ist.

 

Der folgende Tag bringt Regen und keine Wanderung, dafür heiliges Siteseeing im Akkord: Ein Drusentempel (hübsch), der Ort der Bergpredigt (voll), der Ort der Brotvermehrung (voller), Kapernaum (ich trinke lieber einen Granatapfelsaft), Magdala mit Synagogenresten (mir ist kalt), Mittagessen bei Pizza-Hut. Spaßfaktor: Gering. Ich will zu meinen Wollmäusen ins Gästehaus und HBO gucken. Nachmittags: Sinnlose Freizeit, ich färbe mir die Haare. Reiseleitung Esther scheint eher genervt von uns zu sein, das ist ein bisschen schade, weil sie echt viel weiß, was sie uns erzählen könnte. Tut sie aber nur auf Aufforderung.

 

Nach dem Regen vom Vortag schmiegen sich auf der nächsten Wanderung zwei Kilo hartnäckigster israelischer Lehm in das Profil der Wanderschuhe und verwandeln sie in Flipflops. Auf dem Weg durchs spektakuläre Taubental an den See Genezareth sauen wir uns dann richtig ein, weil wir immer mal wieder durch kleinere Flüsse waten, aber beim Kibbuz Ginosar angelangt ist alles wieder gut und einige von uns springen noch ins (sehr frische) Wasser. Auch hier wieder hunderte von Gästen. Trotzdem habe ich hier, am See, zum ersten Mal so ein Gefühl von: Whow! Hier bin ich. Im heiligen Land. Und ich kann mir total gut vorstellen, wie Jesus hier vor 2.000 Jahren rumgelaufen ist, wahrscheinlich mit weniger Müll im Wald, einfach als ein sehr charismatischer Zeitgenosse mit einer ziemlich guten Botschaft. Und die Pilgergruppen in den heiligen Stätten bewegen mich, wenn ich sie beobachte, wie sie zusammen beten und immer wieder auch singen.

 

Und dann kommt auch schon (Achtung: Pflichtkalauer!) die Reise nach Jerusalem. Auf der Fahrt durchs Westjordanland wird die Landschaft karger und unwirtlicher, die Berge höher, ab und an ein Esel oder eine Ziegenherde am Wegesrand oder eine verlotterte Beduinensiedlung. So langsam fängt es an, mir hier zu gefallen. Und dann werden wir endlich mit - wie könnte es anders sein - hunderten anderen Reisenden auf dem Ölberg abgeworfen und ich sehe zum ersten Mal die Stadt von oben - Jerusalem, al Quds, die Heilige. Die Kuppel des Felsendoms glänzt in der Sonne während wir Fotos und Picknick machen und dann vom Ölberg runter und auf den Tempelberg rauflaufen, dabei den Garten Gethsemane und die Kirche aller Nationen, die auch Todesangstbasilika heißt, passieren, um dann durchs Zion-Tor die Altstadt zu betreten. Hier erfolgt weiteres Speed-Siteseeing, was mich ja schon wieder nervt. Die Stadt ist so hübsch und so schön wuselig und überall gibt es sooooo viel zu gucken, ich will da nicht einfach nur durchrennen.

 

Also setze ich am nächsten Tag die Gruppe aus und lasse ein bisschen Muße einkehren. Lange beobachte ich das Treiben an der Klagemauer, an der gar nicht so viel geklagt, sondern viel mehr gebetet, getanzt und gesungen wird. Weiter gehts zur Grabeskirche, eine Art religiöser Co-Working Space für sechs verschiedene christliche Konfessionen. Und weil das natürlich nicht funktioniert, haben zwei muslimische Familien seit Jahrhunderten nicht nur die Schlüsselgewalt, sondern auch Mediatorenfunktion. Wer dann mal die unschöne Leiter an der Fassade endlich wegräumt, weiß man trotzdem nicht. Und ich frage mich, wie es wohl sein muss, als wirklich gläubiger Mensch hier herzukommen. Viele sind hier sehr bewegt, zwischen all den Selfie-Touristen knien immer wieder Menschen und sind ins Gebet vertieft oder singen zusammen. Das treibt mir immer wieder die Tränen in die Augen.

 

Ich schlendere durch den Suq zum Damaskus-Tor und dann ein bisschen ins arabische Viertel und abends, zum Beginn des Schabat, wieder zurück zur Klagemauer, wo jetzt richtig viel los ist. Von etwas weiter oben kann man sehen, wie immer mehr Juden zur Mauer strömen, während es langsam dunkel wird. Wir gucken noch einen ganze Weile zu, wie die Menschen im Schatten des Felsendoms den Beginn ihres Feiertages begehen und der Ruf des Muezzin vermischt sich mit ihren Gesängen. Auf dem Rückweg zum Hotel ist der Verkehr in den Gassen des jüdischen Viertels zum Erliegen gekommen und die Kinder springen ausgelassen herum und laufen mit ihren Familien zur Mauer oder zur Synagoge. Bester Tag der Reise bisher.

 

Als wir am nächsten Morgen Jerusalem Richtung Süden verlassen, ist die Stadt wie ausgestorben. Nur ab und an sieht man den einen oder anderen orthodoxen Juden durch den Regen zur Synagoge eilen.

 

Wir machen uns jetzt auf in die Negev-Wüste, das Tote und das Rote Meer, sowie drei Etappen auf dem Israel National Trail warten auf uns...

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael (Mittwoch, 07 März 2018 19:53)

    Es ist eine Wonne, Deinen Bericht zu lesen, ja zu erleben!