Katinka : Portugal - 2. Halbzeit

Aus den Bergen geht es endlich an den Atlantik. Da ich nicht wirklich viel Strecke zu fahren habe, verbringe ich den Samstag in Lagos, bevor ich in mein Quartier weiterverwandle. Lagos ist sehr beschaulich und nicht besonders aufregend, aaaaaaaaaaber.... es liegt am Meer. Es hat Strände. Einen Hafen. Und eine Kaimauer, auf der ich sitze und lese, während die Optimisten (hier: Die Segelbötchen) eins nach dem anderen aus dem Hafen auslaufen und es in der Mittagssonne schon richtig warm wird.

 

Ich lese ja gerade den letzten Band von Karl Ove Knausgards Autobiographie und wie alle fünf Bücher davor packt auch "Kämpfen" mich sofort und ich möchte das Buch eigentlich gar nicht mehr aus der Hand legen. Diese radikale Offenheit, gepaart mit einer großen Achtsameit, wie ich finde - ich bewundere ihn zutiefst für diesen Mut, einem so ungefiltert sein Leben entgegenzuschleudern. Irgendwo habe ich mal den Satz gehört: "Ein Buch zu schreiben ist ganz einfach - man setzt sich an den Computer und öffnet eine Vene.". Und genau das macht der Typ. Und zahlt einen hohen Preis dafür und macht es trotzdem. Und ich sitze auf der Kaimauer/in einem Café/auf einer Bank/in einem anderen Café/nochmal auf der Kaimauer und lese fast atemlos dieses Buch. Bis es anfängt zu dämmern und ich langsam mal los muss.

 

Zum süd-westlichsten Ende Kontinentaleuropas, dem Cabo de Sao Vicente mit seinem Leuchtturm zieht es mich am nächsten Tag. Und da ist sie endlich, die Steilküste. Es stürmt und die Wellen brechen an den Felsen - ich bin endlich angekommen in Portugal.  Während ich auf dem Kliff langlaufe und alle naslang stehenbleibe, um Felsen und Wellen zu bestaunen, bin ich gedanklich viel in der Vergangenheit zugange. 1997 war ich ja schon mal hier und fand es sehr geil. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, scheint mir das eine sehr offene Zeit gewesen zu sein, in der so vieles möglich war und ich so viele abgefahrene Sachen erlebt habe. Ein Blick in meine Tagebücher von damals offenbart allerdings die Wahrheit: Ich war schon immer super darin, mir selbst im Weg zu stehen und die Summe der Baustellen bleibt immer die gleiche.

 

Schon am Leuchtturm beobachte ich ein hohes Aufkommen an Wohnmobilen, was sich in den nächsten Tagen noch mal deutlich steigert. Vermutlich alles Mitglieder der facebook-Gruppe "Überwintern in Portugal mit dem Van". Ich sehe hier die unglaublichsten Konstruktionen, vom umgebauten Pferdetransporter über wilde Mercedes Benz-LKW aus dem letzten Jahrhundert und die klassischen Camper bis hin zu rollenden Einfamilienhäusern die hintendran noch ein Auto dabei haben. Morgens und Abends zieht die Karawane an meiner Gästehaus-Terasse vorbei, auf dem Weg zum Schlafplatz oder zum nächsten Abenteuer. Die Parkplätze hier sind alle gut ausgelastet und ich vermute sowieso, dass alles, was hier rumfährt, entweder Camper ist oder Touri mit Mietwagen, so wie ich. Ich möchte nicht wissen, was hier im Frühling, Sommer und Herbst los ist.

 

Jetzt aber ist es entspannt, die Strände sind fast leer, Surfer hab ich leider keine gesehen, dafür Angler, die waghalsig die steilen Klippen hinabklettern und dann von dort ihre Angeln auswerfen. Beim Wandern begegne ich sowieso keinem Menschen, das war aber auch schon in den Bergen so. Ich glaub, Wandern ist hier auch eher nicht so Priorität. Sonst könnten die ja auch mal eine ausführlichere Beschilderung installieren oder womöglich an schönen Aussichtspunkten eine Bank hinstellen. Muss aber auch nicht sein. Ich habe hier drei gute, lange Wanderungen und das Highlight ist, danach am Strand zu stehen, mit den qualmenden Füßen im Atlantik. Und dabei den Wellen zuzusehen.

 

Trotz der schönen Termperaturen und der hübschen Steilküste (von der ich mich wirklich schwer losreißen kann) will ich nach Norden, noch mehr Wellen und dann Porto sehen. Meine nächste Station ist also Nazaré (Hier könnt Ihr was über Big Waves lernen) und das haut mich um! Abends am Strand höre ich schon in der Dunkelheit den Ozean brüllen und am nächsten Morgen stehe ich fassungslos am Wasser und bestaune Welle um Welle, wie sie sich auftürmt, vier, fünf Meter hoch, dann zu brechen beginnt, oben sprüht die Gischt und dann bricht die ganze Urgewalt an den Strand vor mir (und ich bin nicht schnell genug weg und leg mich erst mal schön der Länge nach hin, zur Freude der Strandaufsicht, die 20 Meter weiter steht). Noch wilder wird es am Leuchtturm. Dort kann man hinten über eine Eisentreppe nach unten klettern und dann noch ein bisschen weiter nach unten, so ohne Treppe, und dann stehe ich den meterhohen Wellen direkt gegenüber. Sehe, wie sie sich am vorgelagerten Felsen brechen, die Gischt übersprüht mich wieder und wieder, es ist ohrenbetäubend laut und so windig, dass ich kaum stehen kann. Mehr geht nicht! Ich habe kein Zeitgefühl mehr und irgendwann klettere ich nass, durchgefroren, völlig übereuphorisiert und emotional von innen nach außen gestülpt zum nächsten Café. Am zweiten Tag mache ich einfach noch mal das gleiche, wie am ersten, Abends ist mir bald schlecht vor lauter Wellen.


 

Ich habe versucht, ein bisschen was davon filmisch einzufangen, wenn Ihr mal gucken wollt, das Passwort lautet: Nata


 

Falls Ihr übrigens mal in Portugal unterwegs seid und ein wirklich ruhiges Plätzchen sucht, kann ich jede Autobahnraststätte wärmstens empfehlen - der Kaffe ist gut, draußen hört man die Vögel zwitschern, die Sonne scheint und ab und an fährt auch mal ein Auto vorbei. Wirklich nett. Der Grund dafür sind die horrenden Mautgebühren, die die meisten Portugiesen auf den Landstraßen bleiben lassen.

 

Porto ist auf den ersten Blick gut besucht, gröhlende Briten, die auf Booten den Duoro herunterfahren, deutsche Junggesellenabschiede intonieren "Ti Amo" am Hafen - ich esse Francesinha, eine sehr mächtige Spezialität aus Porto (eine Art Rundstück-warm-Inside-out-Cordon bleu mit Würstchen) und flüchte erst Mal wieder in mein Gästehaus. Aber am nächsten Tag wird es ganz schön mit Porto und mir. Ich lasse mich treiben, das geht auch hier sehr gut, esse da mal ein Teilchen oder trinke hier mal ein Bier und der Tageshöhepunkt ist der Porto Bridge Climb, der allerdings von unten aufregender aussieht, als er tatsächlich ist. Mit Gurtzeug und am Seil eingehakt geht es den Brückenbogen der Ponte de Arrábida hoch bis auf 65 Meter über dem Duoro. Dort lassen sich vortrefflich Fotos machen und es gibt einen kleinen Portwein, bevor es wieder runter geht.

 

Und dann bin ich auch schon wieder in Lissabon und sitze am Rossio, stelle anerkennend fest, dass zwischenzeitlich die Weihnachtsbeleuchtung abgebaut wurde, der Kellner in meinem Lieblingscafé immer noch der gleiche ist und auch sonst nicht viel passiert ist. Und weil das so ist, fahre ich noch für einen Tag nach Sintra, wo ich einen kleinen Wanderweg zu irgendeinem bunten Schloß hinauf entdecke, mich im "Café Paris" richtig schön abzocken lasse und dann is auch gut mit Portugal.

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Kommentare: 1
  • #1

    Angela (Sonntag, 18 Februar 2018 10:23)

    Hey Katja, wieder sehr sehr schön geschrieben! Wo bist du denn grade? Auch wieder unterwegs? Liebste angepasst aus dem tropisch heißen Zanzibar von uns beiden Bist du eigentlich bei Instagram? Hab da mal ein paar Fotos unter angelmakespics hochgeladen...