Katinka in Iran - von Isfahan nach Shiraz

Der letzte Tag in Isfahan bringt mir - nach Besichtigung von Freitagsmoschee, armenischer Kirche und einer Perserteppichverkaufsveranstaltung (die zugegebenermaßen faszinierende Einblicke in die Kunst des Teppichknüpfens bietet, aber trotzdem keinen von uns zum Kauf eines selbigen veranlasst) eine gruppenfreien Nachmittag, der mich erst mal auf direktem Weg ins nächste Café und dann zu Elhams Cousine Fereshteh und ihrem Mann Ali führt.

 

Die beiden beherbergen schon seit langem Couchsurfer in ihrer äußerst luxuriösen Wohnung, in der sogar die Badewanne über einen Fernseher verfügt und über lustige Wasserhähne, die ich nicht bedienen kann. Ich verbringen den Nachmittag mit ihnen und lasse mich abends dann ein letztes Mal auf dem Meydan treiben, sitze am Wasser, rede mit Menschen, laufe zur Si-o Se Pol und kaufe mir unterwegs ein paar Gebäckteilchen. Und während ich dann noch eine Weile an der Brücke herumsitze, beschleicht mich erneut ein großes Glücksgefühl: Ich bin in Isfahan!

 

Und dann auch schon nicht mehr.

 

Über Na'in geht es an den Rand der Kavir-Wüste nach Yazd. Die Landschaft wird weit, trocken, in der Ferne sehen wir Gebirgszüge. Hier gibt es nichts. Außer Chakchak, einen zoroastrischen Feuertempel hoch oben in den Bergen. Die Weite der Landschaft ist sehr berührend und es muss hier unfassbar still sein, wenn keine Reisegruppen herumlaufen. Hier wäre ich gerne geblieben und hätte die Sonne untergehen sehen und dann einfach dem Abend zugehört. Stattdessen erreichen wir Yazd.

 

Das Hotel ist hübsch, jedenfalls für die Leute, die ihre Zimmer zum malerischen Innenhof haben. Meins ist zum Restaurant und nicht so hübsch, deshalb sitze ich nach dem Abendessen noch im malerischen Innenhof und texte ein bisschen mit Stefan, als Behruz, unser Fahrer vorbeikommt. Grinsgrins, "Salam!", "Shab be-kheir!", grinsgrins und dann macht er eine eindeutige Geste, die ich erst kaum glauben kann... Alkohol??? No way!!!! Ernsthaft?? Okay - eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen kann! Flux lauf ich ihm in sein Zimmer hinterher, wo er sich erst mal seines T-Shirts entledigt. Während ich auf der Bettkante balanciere, tischt er - nun im Unterhemd - auf: Orangen, Äpfel, Chips, Joghurt und eine 1,5 Liter Plastikflasche mit "Whisky". Im Gegensatz zu ihm weiß ich ja, wie Whisky schmeckt, aber als guter Obstler geht das auf jeden Fall durch. "Salamati!", er freut sich, ich freu mich, und runter mit dem Zeug. Als er mich anschließend mit Chips füttern möchte, trete ich dann aber doch mal mit Hilfe von google translator den Rückzug an. Aber vorher nehme ich noch einen. Für den Weg.

 

Yazd ist anders als alles, was wir bisher in Iran gesehen haben, eine geduckte, sandfarbene Stadt mit viel Backpacker-Infrastruktur. Die "Türme des Schweigens", eine zoroastrische Begräbnisstätte, rufen mir das erste Mal seit zwei Wochen wieder den Tod meines Vaters ins Gedächtnis und in Kombination mit dem nahenden Ende der Reise und der Abfahrt der Reisegruppe merke ich, wie sich die unvermeidlichen Abschiedswehen ganz leise anfangen, in mir breit zu machen.

 

Auf dem Weg nach Shiraz treffen wir auf der Raststätte eine pakistanische Pilgergruppe, die nach Kerbela wollen. Ausgiebiges gegenseitiges Anstarren. Sehr fremd. Donnerstag ist Arba'een, ein hoher schiitischer Feiertag, dann müssen sie dort sein. Wir befinden uns im Trauermonat Muharram, dem ersten Monat des religiösen Jahres im Islam, was man u.a. daran erkennt, dass überall neben den iranischen auch schwarze Flaggen wehen.

 

Wir besichtigen Pasargad, beginnend mit dem Grab von Kyros dem Großen und gucken uns dann die Reste des Palastes an. Es ist sehr heiß, die Steine und Säulen sind tausende von Jahren alt und UNESCO Weltkulturerbe und kicken mich gerade nicht so richtig. Mit jahrtausendealten Steinen und Säulen gehts auch am nächsten Tag weiter, als wir nach Persepolis fahren, was mal eine Palastanlage war. Um 515 bis 420 v.Chr. erbaut, ging sie bereits 332 v. Chr. wieder in Flammen auf, nachdem sie von Alexander dem Großen besetzt wurde. Man munkelt, dass dies die Rache Alexanders war, für die Zerstörung der Athener Akropolis durch die Perser. Kann aber auch sein, dass beim Feiern einfach mal eine Öllampe umgefallen ist.

 

Noch beeindruckender, als es eh schon ist, wird es, wenn man sich eine der Virtual Reality Brillen aufsetzt, die man dort leihen kann und sich damit  2.500 Jahre zurück in die Zeit beamt.

 

Am Nachmittag gibt es dann noch diverse Mausoleen, angefangen bei Shah Cheraq, wo wir Frauen erst Mal viel Spaß haben mit den vorgeschriebenen Leihtschadors und als wir uns davon erholt haben sprachlos im Inneren des Mausoleums stehen, denn es ist komplett verspiegelt. Dann kommen noch zwei tote Dichter, Saadiyeh (das Grab von Sa'di) und Hafizyeh (das Grab von Hafiz). Letzteres gefällt mir so gut, dass ich in den nächsten Tagen dort immer wieder hin zurückkehren werde. Dort tummeln sich - wie auch schon an vielen Orten in Isfahan - viele Iraner und machen Fotos und treffen sich und sitzen im Teehaus oder in den Nischen und auf den Treppenstufen um den Sarkopharg herum. Viele gehen an den Sarkopharg und berühren ihn und zitieren Gedichte von Hafiz. Der Ort ist so schön lebendig und tröstlich und schafft es für mich atmosphärisch irgendwie, Tod und Leben zu vereinen.

 

Und dann heißt es Abschiednehmen von der Gruppe. Das fällt mir komischerweise total schwer, obwohl ich mich auch sehr auf zwei Tage Freiheit und Tun-und-lassen-was-ich-will freue. Am Abschiedsmittwoch habe ich ungewöhnlich nah am Wasser gebaut, da helfen auch Café, Haremsbesichtigung und Bazaarbesuch nicht wirklich. Und nie fühlt sich Alleinsein so doof an wie in dem Moment, als der gelbe Bus vom Parkplatz des Hotels auf die Straße einbiegt.

 

Die nächsten zwei Tage bin ich alleine in Shiraz unterwegs und komme irgendwie nicht so richtig mit mir zurecht. Blöderweise sind sowohl Donnerstag als auch Freitag Feiertage, womit der Plan vom Rumhängen, Kaffeetrinken und Shoppen sich aufs Rumhängen beschränkt. Dabei muss ich mich erstaunlich vieler Avancen von persischen Männern erwehren, die mit mir im Auto rumfahren, spazierengehen oder fünf Minuten Sex haben wollen. Die Tatsache, dass ich ihre Mutter sein könnte, stört dabei nicht so sehr. Am letzten Tag treffe ich immerhin noch Manfred und Wolfgang, zwei Biobauern aus dem Wendland, die mit dem Fahrrad unterwegs sind und mit denen ich dann doch noch ein bisschen Kaffee trinken kann, klettere hoch zum Aussichtspunkt Gahvare-ye Did und genieße den letzten Blick über Shiraz, lege mich beim Abstieg mit Flipflops auf die Schnauze und denke so bei mir: Okay, so langsam kannst du dann auch mal nach Hause...

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