Katinka in Iran - von Bandar-e Anzali nach Isfahan

 

Nach dem Besuch des Fischmarktes in Bandar-e Anzali fahren wir durch Berge und Wolken weiter. Entlang der iranisch-azerbeidjanischen Grenze geht es nach Ardabil. Hier wird es dann im Mausoleum von Sheik Safi zum ersten Mal richtig persisch.

 

Wir durchqueren einen Garten und kommen in den Innenhof des Mausoleums, wo meterhoch frisch restaurierte, gekachelte Wände von beeindruckend schönem Blau auf uns warten. Im Inneren müssen wir unsere Schuhe ausziehen und setzen unsere Füße auf flauschige Teppiche, bekommen einen steifen Hals während wir an die prachtvollen Decken starren, bestaunen die rot, braun und golden ausgekleideten Iwane (= eine Art "Nische", die sich in fast allen persischen Bauwerken findet), durch die das Sonnenlicht in die Halle fällt und im danebenliegenden Empfangssaal die setzkastenartigen Strukturen im oberen Teil der Wände. Danach dürfen wir noch in den Bazaar, der alle meine Bazaar-Vorurteile bestätigt: Gewürze, Tee, Nüsse, Trockenfrüchte, Honig, Granatapfelsirup, Hülsenfrüchte, alles türmt sich zu malerischen Haufen - wir haben viel zu wenig Zeit hier in 1.001 Nacht.

 

Der nächste Ort, Sar-e Eyn, ist ein stürmisches Fleckchen und verfügt - neben diversen Thermalbädern - über eiserne Wäscheständer auf den Hotelbalkonen. Als wir am nächsten Tag zur Wanderung aufbrechen wollen, wird allein schon der Bus von den Windböen fast umgeworfen. Der Sturm fegt den Sand über die Ebene, und ab und an fliegen Steppenläufer vorbei, die ich bisher nur aus Filmen kannte. Schnell ist klar: Das wird nix! Also Behruz wieder herbeordert und eine Alternative gestrickt, die uns nach Ardabil, um den See herum und in ein Museum mit verstopften Tieren führt (ein sehr charmanter Versprecher von Mehdi, der natürlich ausgestopfte Tiere meint). Die Mittagspause bringt uns drei neugierige Studenten von der nahegelegenen Universität, mit denen wir quatschen und unser Picknick teilen. Nach all den "Heil Hitler!" der letzten Tage sind die sehr erfrischend.

 

Nach viel Busfahrerei kommen wir auf dem Weg nach Zanjan an das Mausoleum von Öldjeitü, anscheinend ein ganz pragmatischer Typ mit leichtem Hang zum Größenwahn. Christlich getauft, konvertierte er erst zum Buddhismus, dann zum sunnitischen und letztendlich zum schiitischen Islam. Das Mausoleum war ursprünglich für die Gebeine der Imame Ali und Hossein gedacht, die er zu diesem Zweck aus Nadschaf und Kerbela umbetten lassen wollte. Die Geistlichkeiten dort sagten zu Recht: "Du spinnst wohl!" und so hat er sich dann selbst darin bestatten lassen und ruht nun unter der 53 Meter hohen Kuppel, die immerhin UNESCO Weltkulturerbe geworden ist.

 

An Tag 11 hängt die Reise für mich ein bisschen durch, was sicherlich auch daran liegt, dass wir relativ viel Zeit bewegungslos im Bus verbringen. Auch wenn Mehdi sich Mühe gibt und im Verlauf der Reise immer mal wieder rausspringt, um uns mit noch warmen Zimtkeksen, Erdnüssen, Datteln oder schwarzem Halva aus Weizen zu füttern oder uns Pistazienbäume am Wegesrand zeigt: Mir ist langweilig. Und wenn ich schon am meckern bin: Das Essen hängt mir auch zum Hals raus. Kebab, Kebab, Kebab, Klops, Fleisch mit Soße, Kebab, Kebab, Klops. Das hatte ich mir irgendwie abwechslungsreicher vorgestellt. Ich quengel ein bisschen Corinna voll und irgendwann sind wir auch endlich in Hamadan im Hotel. In der Lobby wirds dann später am Abend doch noch lustig, als eine junge Frau, an der offensichtlich alles gemacht ist, was geht, auf 15 cm hohen Absätzen zu uns an den Tisch stöckelt und ein bisschen mit uns kniffeln möchte. Klar, kann sie tun. Sie erzählt uns was auf farsi, wir zählen stolz von eins bis sechs (auch auf farsi), dann zeigt sie uns Fotos von sich und ihrem Mann mit nur sehr wenig Kleidung an und nach der obligatorischen Fotosession bekommen wir zum ersten Mal das Angebot, Alkohol zu trinken, was wir allerdings mittels google translator erst ablehnen ("Angst vor Alkohol in Iran") und dann ein bisschen bereuen.

 

Am nächsten Tag geht es weiter nach Isfahan, wo wir drei Nächte bleiben werden. Auf die Stadt bin ich schon sehr gespannt, die Bilder, die ich gesehen habe, sahen so unglaublich und fantastisch aus. Beim Mittagspicknick treffen wir zwei Radfahrer, auf die wir uns sofort stürzen, um sie auszufragen. Es sind Jasi und Matt, die von ihrer Heimat in der Schweiz in seine Heimat nach Australien radeln. Ende 2018 wollen sie dort sein. Sie bloggen auch über ihren Trip. Wenn Ihr also ein bisschen echtes Abenteuer lesen möchtet, guckt doch mal rein: pedal promise.

 

Auch das Hotel in Isfahan besticht wieder mit Ferienwohnungsgröße, abends gibt es Huhn mit Pflaumen und vorher tummeln wir uns an der Brücke Si-o Se Pol, die über den meistens ausgetrockneten Fluß Zayandeh Rud führt. Da gefällt's mir atmosphärisch total gut, ganz viele Menschen sind hier unterwegs, treffen sich, machen Fotos und laufen über die Brücke. In den Brückenbögen im unteren Teil der Brücke singt jemand und die Menschen, die drumherum stehen und zuhören sind mucksmäuschenstill.

 

Isfahan - Nesf-e Jahan

Isfahan - die Hälfte der Welt

 

Am nächsten Morgen stehen wir auf dem Medyan-e Imam, DER Platz in Isfahan (und wahrscheinlich in ganz Iran) und der ist einfach nur fantastisch! Wir tummeln uns dort folglich auch den ganzen Tag, bekommen vormittags den ornamentalen Overkill in der Großen und der Lotfolla-Moschee und nach dem Mittagessen gibt's noch den Bazaar und den Ali Qapu-Palast. In der großen Moschee sitzt ein Imam im Innenhof und lädt zu freundlichen und offenen Gesprächen ein. Die richtigen Fragen ("Wo im Koran steht eigentlich, dass Frauen nicht ins Fußballstadion dürfen?" / "Wo im Koran steht eigentlich, dass Frauen nicht die Frontfrau einer Band sein dürfen?") fallen uns natürlich erst ein, als wir schon wieder draußen sind.

 

Seit wir in Isfahan sind, ist es deutlich touristischer geworden und wir begegnen sehr vielen anderen pensionierten Lehrerinnen und Bäuerinnen und ihren Reisegruppen. Trotzdem ist alles noch weit entfernt davon, überlaufen zu sein. Auf dem Meydan werden wir extrem oft angesprochen und in Gespräche verwickelt. Einer erzählt mir später, dass er einfach ganz oft hierher kommt, um mit den Touristen zu sprechen. Bei anderen haben wir den Eindruck, dass sie ihre Kinder hierher schleifen, damit die ihr Englisch an uns ausprobieren können. So oder so - ich mag das und finde es spannend, mit den Menschen zu reden.

 

Nach Einbruch der Dunkelheit sitzen Corinna und ich lange am Wasser und gucken den Leuten zu, die sich hier treffen und picknicken, Fotos machen oder Drachen mit LEDs in ihren Schnüren steigen lassen. Und für ein paar Momente ist Isfahan nicht nur die halbe Welt, sondern die ganze.

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