Katinka in Iran - von Teheran nach Bandar-e Anzali

Ganz ehrlich - als ich zu Hause sitze und auf meinen Flug warte, der fatalerweise erst Abends geht, bin ich so aufgeregt, dass ich meinen linken Arm geben würde, um nicht nach Teheran fliegen zu müssen, sondern einfach hier auf dem Sofa sitzenbleiben zu können. Keine 24 Stunden später laufe ich hübsch verschleiert durch Teherans Haar- und Nagellackviertel, lasse Kioskbesitzer vertrauensvoll in meinem Portemonnaie wühlen, überquere befahrenste Hauptstraßen ohne mit der Wimper zu zucken, steige zu wildfremden Männern ins Auto und fühle mich total local.

 

Mein erster Tag in Teheran macht mir schon so viel Spaß, dass ich danach eigentlich direkt wieder abreisen könnte. Zum Glück habe ich keine Ahnung, was da noch alles auf mich wartet. Am Abend jedenfalls erst mal Corinna in ungewohntem Dress und die kleine Reisegruppe, mit der wir am nächsten Tag nach zwei Museumsbesuchen zur ersten Wanderung am Tochal, dem Hausberg Teherans, aufbrechen. Ich muss gestehen: So sportlich hatte ich mir das gar nicht vorgestellt. Knappe 500 Höhenmeter, mit fantastischer Aussicht auf die Smogdecke über Teheran. Ich bin nicht soo unglücklich, dass wir den Moloch morgen schon verlassen, die Luft dort ist extrem anstrengend.

 

Tag zwei führt uns in ein Partisanendorf in die Berge nordöstlich von Teheran. Nach einer kleinen, aber alpinen Wanderung gibt es Picknick beim örtlichen Bergführer. Da wir unter Freunden sind, dürfen wir Frauen die Kopftücher ablegen. So oben ohne fühle ich mich schon ein bisschen nackt.

 

Am dritten Tag geht es zum Damavand, dem höchste Berg Irans, wo wir bis zum Lager 2 auf ca. 3.000 Meter Höhe hinaufwandern. Die Luft ist schon dünner, aber wir laufen langsam, so dass alle oben wohlbehalten ankommen. Die Sicht ist klar und der Blick einfach nur atemberaubend: Hinter uns die Gebirgsketten des Alborz, vor uns der Damavand, auf dessen Gipfel kleine Rauchwölkchen zu sehen sind  - ich will mehr!!

 

Zunächst kriege ich aber erst einmal Meer. Auf der Fahrt nach Amol (von uns liebevoll in B-Dur umgetauft) ändert sich die Landschaft, am Himmel tauchen Wolken auf, in den Bergen die ersten Bäume, alles wird sanfter, grüner und von 3.000 Metern über dem Meeresspiegel kommend tauchen wir hier, 28 Metern unterhalb des selbigen, unsere Füße ins kaspische Meer und atmen durch.

 

Ab Tag vier laufen Corinna und ich hinten im Bus zu japanischer Form auf und vertilgen giggelnd abstruse persische Süßigkeiten (die wahlweise von pappiger oder staubiger Konsistenz sind und eigentlich immer nach einer Tasse Tee schreien) und im weiteren Reiseverlauf Unmengen von quietschorangenen Käselocken, die wirklich, wirklich lecker sind und deren Farbe man kaum von den Fingern wieder abkriegt.

 

Im nächsten Ort, Kelardasht, bleiben wir für zwei Nächte, was uns die Gelegenheit gibt, Wäsche waschen zu lassen. Als wir am nächsten Tag vom wandern nach Hause kommen, flattern unsere Unterhosen fröhlich auf der Wäscheleine im Wind. Aber unsere Haare müssen wir verstecken... Und während ich im Hotelzimmer noch mit einer persischen Dusche kämpfe, erreicht mich ein Anruf des VfL 93: Der Body-Workout-Kurs findet diese Woche in der Sporthalle im Poßmoorweg statt - Hamburg könnte gerade nicht weiter entfernt sein.

 

Auf dem Weg zum Abendessen bei den Locals macht das Getriebe des Busses schlapp. Behruz, unser Fahrer, bringt uns auch im ersten Gang souverän durch die Berge und wieder zurück.

 

Am Nachmittag des zweiten Tages in Kelardasht versuchen Corinna und ich, mal was trinken zu gehen. Wahlweise auch zu shoppen, am Ortseingang haben wir einen vielversprechenden H&A entdeckt (Wir vermuten: Die persische Variante von H&M. Vielleicht war aber auch einfach nur gerade kein "M" zur Hand). Bürgersteige werden hier allerdings überschätzt und so kommen wir über Stock und Stein und Baugruben und abgestellte Autos immerhin bis zu einem Restaurant, wo wir es schaffen, uns einen Tee zu bestellen. So ganz geheuer sind wir bleichen,  draußensitzenden, rauchenden Deutschen mit Kopftuch den Leuten dort offensichtlich nicht.

 

Der letzte Tag der ersten Woche bringt uns weiter an der Küste entlang in Richtung Nordwesten in die Hafenstadt Bandar-e Anzali. Auf dem Weg dorthin machen wir Halt in Masuleh, einem kleinen, sehr verschachtelten Fleckchen, was sich ganz malerisch in die Berge schmiegt.

 

In Bandar-e Anzali kriegen wir Fisch zum Abendessen, was mal eine schöne Abwechslung zu all den Lämmern der letzten Tage ist. Das Hotel ist direkt am Wasser und am nächsten Morgen laufe ich vor dem Frühstück ein bisschen am Strand lang, wenigstens einmal noch mit den Füßen ins Wasser. Das ist fast wie in St. Peter Ording, nur die Absperrungen, die hier ins Wasser ragen und im Sommer den Strand und das Wasser in Männer und Frauen unterteilen, stören.

 

Persische Hotelzimmer sind im Mittel etwa so groß wie meine Wohnung und beinhalten unter anderem mindestens drei Betten, zwei Bäder, eine Küchenzeile und entweder eine Auswahl plüschiger Sessel oder mindestens ein Sofa. Iraner mögen es offenbar kuschelig, denn den aufgedrehten Heizungen ist nur mit Werkzeug, Gewalt oder gar nicht beizukommen und durch die fliegenvergitterten Fenster kommt kein Lufthauch. Dafür erfreut sich die Energiesparlampe hier noch großer Beliebtheit und sorgt allerorten für taghelle Beleuchtung.

 

Im Norden und Nordwesten, den wir auch in den nächsten Tagen noch weiter durchqueren werden, ist alles noch erfrischend untouristisch. Bei den täglichen Wanderungen treffen wir höchstens mal ein paar Einheimische und in den Dörfern werden wir komisch und nicht unbedingt immer freundlich angeguckt. Ab und an werden wir nach der obligatorischen Frage "Where are you from?" gerne mal mit "Heil Hitler!" begrüßt, was von einigen sicherlich aus Unwissenheit geschieht (wobei ich mich schon frage, wie unwissend man sein kann...), von anderen aber sicherlich nicht. Bei einigen, älteren Iranern hier im Norden genießt Adolf Hitler noch großes Ansehen. In den nächsten Tagen, in denen wir immer wieder neugierig beguckt und uns fröhlich gewinkt und hinterhergerufen wird, hat diese Freundlichkeit und Neugier für mich einen sehr schalen Beigeschmack. Auf dem Fischmarkt in Bandar-e Anzali führt es dazu, dass Corinna und ich kurzfristig unsere Staatsangehörigkeit von deutsch zu holländisch ändern, bevor wir einem örtlichen Gemüsehändler ins Gesicht springen müssen. Mehdi, unser Reiseleiter, deeskaliert. Komisch bleibt's trotzdem.

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Kommentare: 1
  • #1

    Corinna (Mittwoch, 22 November 2017 15:23)

    Sehr sehr schön....das mit den Holländerinnen hatte ich schon wieder vergessen....freu mich schon auf die nächsten Berichte^^