Katinka dit "Bonjour"

Und zwar tout le temps - französische Wanderer sind ausgesprochen freundlich, jedenfalls hier im Elsaß. Selbst beim Passieren von 30-köpfigen Wandergruppen grüßt mich jede(r) einzelne von ihnen und so oft, wie hier, werde ich sonst eigentlich nie angesprochen. Und ich verstehe sogar das meiste, eine schlagfertige Antwort muss ich allerdings immer schuldig bleiben.

 

Meine Französisch-Kenntnisse sind nur noch minimal und seit ich mit meinem Lehrer, Herrn Böckmann, in der 7. Klasse "Aux Champs Élysées"  zur Gitarre geschmettert habe, ist da auch nicht mehr viel dazugekommen. Umso erstaunlicher, dass ich mich jetzt im Elsaß wiederfinde. Und mich hier auch noch unglaublich wohl fühle. Die Ferienwohnung ist direkt in den Weinbergen und über die Rheinebene kann ich den Schwarzwald sehen. Eigentlich könnte ich den ganzen Tag in meiner Küche sitzen und aus dem Fenster gucken, aber den einen oder anderen Kilometer möchte ich dann doch noch wandern. 

 

Col de la Schlucht, Petit und Grand Ballon d'Alsace, Col du Bonhomme - alles Orte, wo ich vor Jahren schon mit dem Mopped rumgeknistert bin, jetzt mal auf Schusters Rappen. Und das lohnt sich! Die Landschaft ist toll und der Wald glänzt schon im ersten herbstlichen Gold. Mit dem Wetter habe ich wieder mal Glück und so kann ich im Tal noch draußensitzen, während es auf den Gipfeln schon ordentlich pfeift und so dermaßen arschkalt ist, dass ich sogar die Regenmontur als Kälteschutz drüberziehe. Fantastisch. Beim Aufstieg zum Petit Ballon fühle ich mich wie Reinhold Messner am Nanga Parbat.

 

Am Anfang der Woche mache ich einen Ausflug in die Schweiz, um eine Kusine zu treffen. Natürlich sprechen wir viel über unsere Familien und dass wir alle gewaltig einen an der Marmel haben, ist unstrittig. Irgendwie hängt dieser Abend emotional noch ein paar Tage an mir rum. Auf dem Rückweg spendiert mir die Schweiz keine ausreichenden mobilen Daten und das GPS möchte mich immer auf die mautpflichtige Autobahn lotsen, was ich aber nicht möchte (Eine Jahresvignette für einen Tag Autobahnbenutzung? Hallo?). Irgendwann habe ich mich hoffnungslos in Basel verfahren und überlege kurz, einfach ohne Vignette auf die Autobahn zu fahren, aber vermutlich ist das noch schlimmer, als in Iran im Bikini auf der Straße zu tanzen und so strande ich kurz vor Mitternacht an einer Tanke. Zähneknirschend bereit, doch eine Vignette zu erwerben, irgendwann will ich ja auch gerne mal ins Bett. Aber die beiden netten Mitarbeiter dort verstehen mein Problem, haben zudem gleich Feierabend und bieten mir an, mich mautfrei nach Frankreich zu eskortieren, wenn ich noch kurz warte. Natürlich, gern! Um kurz nach eins bin ich wieder zu Hause, platt und mautfrei. Nimm das, Schweiz!

 

Einen kurzen Ausflug mache ich nach Colmar, weil's um die Ecke und auch ganz hübsch ist. Reiht sich für mich allerdings nahtlos in die Reihe der pittoresken bereits gesehenen kleinen Städte (Bregenz, Vaduz, Salzburg, Innsbruck, Bratislava) ein. Aber es hat leckere Schokoladencroissants dort.

 

Am letzten Tag kriege ich noch mal das volle Glücksprogramm - Sommer, Sonne, eine tolle, fast alpine Wanderung inklusive vollkommen wahnsinniger Anfahrt (der Golf kann auch all terrain, yeah!). Unten an der Talsperre gucke ich zu den Gipfeln hoch und denke: "Never!" - eine Stunde später stehe ich oben und gucke runter und denke "Super!" - und am Ende der Wanderung gucke ich noch einmal hoch und bin noch nachträglich beeindruckt, dass ich da oben gewesen sein soll. Das liebe ich an den Bergen. Und natürlich die fantastischen Aussichten. Hach, ich will hier überhaupt nicht mehr weg!! Dafür, dass ich eigentlich keine Erwartungen ans Elsaß hatte, bin ich hier sehr positiv überrascht worden. So einen hohen Wohlfühlfaktor hatte ich das letzte Mal im Bregenzer Wald. Jetzt gehts noch mal kurz nach Essen und dann ab nach Hamburg, Koffer packen!  


Ja, so sollte er enden, der Blogartikel, doch nun bekommt er noch einen Nachtrag. Auf dem Weg nach Essen bekomme ich den Anruf, auf den ich schon so lange warte und der mir dann doch den Boden unter den Füßen wegzieht: Mein Vater liegt im Sterben.

 

Ich fahre durch nach Hamburg und kann ihn Samstag Abend noch einmal sehen. Es ist nicht schön und ich habe Angst. Sonntag Mittag ist es vorbei. Nach fast sechs Jahren im Pflegeheim ist er nun hoffentlich an einem schönen und friedlichen Ort.

 

Tschüß, Papa!


Hier kommen trotzdem ein paar schöne Fotos für Euch!

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Kommentare: 6
  • #1

    Christina (Dienstag, 17 Oktober 2017 08:32)

    Ruhe in Frieden, Herr Welser...

    Meine liebe Freundin,
    Ich finde deine Zeilen wunderbar und habe immer das Gefühl, direkt dabei gewesen zu sein :-)
    Bitte weiter so! Freu mich auf den Dezember :-)

  • #2

    Bettina (Dienstag, 17 Oktober 2017 21:31)

    Liebe Katja,
    endlich ist Dein Vater erlöst. Wie gut, dass Du noch einmal bei ihm warst. Wir sprachen noch darüber in Nürnberg und nun hat Dein Leben automatisch den richtigen Verlauf genommen.
    Du schreibst sehr schön und wie schade, dass ich nun 1,5 Monate auf den nächsten Bericht warten muss!
    Einen wunderschönen Urlaub im Iran! Liebe Grüße, auch von Günter,
    Bettina

  • #3

    Kirsten (Sonntag, 22 Oktober 2017 17:42)

    Liebe Katja,
    wow, ich bin begeistert von Deiner Schreibe und freue mich schon auf die nächsten Messages von Dir! Ich hoffe, der Iran ist das pure Abenteuer und Du bist täglich auf`s neue beeindruckt, geflasht, aus der bahn geworfen? Ich wünsche es Dir! Und ich wünsche Dir, dass Dein Vater Dir von da oben ein guter Begleiter ist!

    Liebe Grüße, Kirsten

  • #4

    Nora Saupe (Sonntag, 22 Oktober 2017 20:06)

    Meine liebe Katja,
    nun hat es sich so gefügt, dass dein Vater noch vor deiner großen Reise gegangen ist. So sollte es vielleicht sein. Und du bist jetzt im Iran.
    Saug es auf mit allen Sinnen. Das wird eine unglaubliche Reise werden. Sei dir sicher, wir sitzen hier ein ganz klein wenig neidisch in Hamburg. Und sind auf deine Berichte sehr gespannt.
    Also bleib gesund und munter....

    Liebe Grüße
    Uwe und Nora

  • #5

    Uli Rodeck (Sonntag, 22 Oktober 2017 20:13)

    Liebe Katja, ich denke an Dich in der Trauer um Deinen Vater. Meiner ist ja im Mai mit 96 Jahren gestorben. Es war auch absehbar, und trotzdem spüre ich den Verlust immer noch. Die Vogesen wecken viele Erinnerungen. Wir sind jahrelang als Gruppe mit unseren Kindern all die Wege, die Du beschreibst, gewandert, immer in den Herbstferien, oft mit diesen wunderbar warmen Tagen, manchmal auch schon im Schneegestöber. Ich lese Deine Blogs immer wieder gerne.
    Uli

  • #6

    Birgit Lindemann (Donnerstag, 30 November 2017 17:44)

    Du solltest das beruflich machen liebe Katja, was für eine Mittagspause, die ich hatte, während ich Deinen Blog las: viel gelacht, viel gestaunt über so viel Schönheit und Pracht auf den Fotos und dann noch (natürlich was sonst) geweint. Meine Arbeitskollegin macht sich schon Sorgen � (gesendet am 19.10.2017)