Katinka sucht Jever

Berumbur, Essen, Gueberschwihr - bevor endlich das (hoffentlich) große Abenteuer Iran beginnt, will ich einfach noch mal los. Die drei Wochen in Hamburg haben mich nicht so richtig angemacht und eins steht schon mal fest: Ein Jahr ist verdammt kurz und ich will so viel wie möglich weg sein.

 

Das erste halbe Jahr ist ein bisschen verpatchworked, eine Aneinanderreihung von verschiedenen Urlauben und dazwischen drei Wochen Hamburg, die sich anfühlen, wie ein sehr langer Samstag. Für das zweite halbe Jahr brauche ich einen anderen Plan, der längeres Wegsein beinhaltet. Mal gucken.

 

Jetzt aber erst mal mit Stefan nach Berumbur. Noch nie gehört? Macht nix. Das ist in Ostfriesland, denn der Mann will Meer und ich strategisch schon mal in Richtung Ruhrpott kommen (wobei auch Ostfriesland bereits fest in nordrhein-westfälischer Hand zu sein scheint). Das mit dem Meer ist leider nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Abgezäunte Strände für 2,50 Euro Eintritt, um die du dann herumläufst wie ein Knasti beim Hofgang? Nein, nicht schön! Dafür haben wir ein fantastisches Ferienhaus mit allem Zipp und Zapp und machen es uns mit leckeren Weinen und der 6. Staffel von "Game of Thrones" gemütlich. Ein Tagesausflug nach Jever, der Besuch des Hager Herbstfestes (völlig ohne Jever) und ein paar leckere Fischbrötchen runden das Wochenende ab, bevor ich am Dienstag Stefan in die Bahn setze und dann weiter nach Essen fahre.

 

Dort will ich vor allem meine Freundin Christina besuchen, die sich in der Reha mit ihrem neuen Hüftgelenk anfreundet. Einen Teil meiner Zeit verbringe ich folglich in der MediClin Fachklinik Rhein-Ruhr, in der die Wiener Würstchen definitiv nach Nichts schmecken und der Anblick der Menschen, die sich dort tummeln, mir mal wieder klarmacht, wie hammermäßig gut es mir geht und ich es habe. Da isses wieder. 

 

Tagsüber will ich mir ein bisschen Ruhrkultur angucken und Boris, meinen Wanderschatten vom Rothaarsteig, besuchen. Der hatte mir 2013 nämlich versprochen, mir "seinen" Dom zu zeigen, wenn ich mal nach Velbert komme. Also beginne ich den Tag an der Zeche Zollverein und bin davon schon völlig geflashed. Später in Velbert laufen wir dann ein bisschen durch Wald und Flur und dann am Schloß vorbei zum Dom. Von außen denke ich ja aufgrund der Betonstrukturen erst an eine Kletterhalle und drinnen haut es mich dann einfach nur um. 

 

Der Donnerstag bringt mir ein leckeres Frühstück bei miamamia im schicken Essen-Rüttenscheid und dann aufgrund der sehr durchwachsenen Wetterlage einen Besuch im Folkwang-Museum. Erfreulicherweise ist der Eintritt frei und ich arbeite mich durch die verschiedenen Ausstellungen und Sammlungen, mal mehr, mal weniger beeindruckt. Am schicksten finde ich "fitz", ein 26-teiliges Pappkartonwerk einer jungen Künstlerin, die diese 26 Pappkartons letzten Dezember mal bei 26 verschiedenen Menschen in Obhut gegeben hat, damit die auch mal was erleben (die Kartons). Nun liegen sie wieder als Skulptur zusammen im Untergeschoss des Museums und können sich was davon erzählen.

 

Am vorerst letzten Essen-Tag muss ich mich entscheiden zwischen nochmal Zeche Zollverein (Ruhrmuseum) oder Gasometer Oberhausen ("Wunder der Natur") und fahre nach Oberhausen. Gute Entscheidung. Die Fotoausstellung ist beeindruckend und die Atmosphäre des Gasometer tut ihr übriges dazu. Ich wandere zu spärischen Klängen zwischen Bildern von mannshohen Honigbienen, millionenfach vergrößerten Libellenaugen und Geparden, die gleich einen Springbock reißen werden, umher, um dann in der großen Halle in einen Sitzsack zu sinken (nicht ohne das ungute Gefühl, dass ich da vermutlich ohne fremde Hilfe nie wieder rauskomme...) und einer Projektion unserer Erde dabei zuzusehen, wie sie sich um sich selber dreht. Und es Tag wird auf der Erde. Und Nacht. Und Tag. Und Nacht. Und Tag. Und Nacht. Und Tag. Und... ich fühle mich sehr klein. Und sehr glücklich.

 

Meinen letzten Abend feiern Christina und ich feudal bei Käse, Baguette und hartgekochten Eiern in der Klinik. Zum Glück können wir immer noch giggeln wie vor 20 Jahren (bevorzugt über unsere zahlreichen unsäglichen Männergeschichten), aber die Themen werden eben auch schwerer. Und als ich dann später in der Dunkelheit durch Essen cruise, an der Tanke eine Frau treffe, die offensichtlich die gleichen Interessen hat, wie ich (Motoröl und Bier), liefert mir eine uralte Wolfsheim-CD den Soundtrack für meine Gedanken. Ich mag ja die Stimme von Peter Heppner und der Song "Kein zurück" spricht mir in dieser Nacht aus der Seele.

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