Katinka tritt Pflaster

Wien, mit einem Tagesausflug nach Bratislava, und Prag sind die beiden nennenswerten Stationen auf meiner Rückreise nach Hamburg. Vor allem auf Wien freue ich mich, weil es eine gute, alte Bekannte ist. Ach, eigentlich schon fast sowas wie eine Freundin.

 

Und genau so fühlt es sich an, als ich am ersten Abend noch einmal kurz in die Stadt reinlaufe: Coming home! Ich flaniere über den Stephansplatz, werfe einen Blick auf den Dom, lasse mich durch die Gassen treiben, während es langsam dunkel wird, sitze länger auf einer Bank bei der Karlskirche, seufze ein paar Mal vor mich hin und denke an damals, Anfang der 90er, als ich quasi monatlich hier war, um meine Lieblingsfreundin zu treffen, die in Wien gearbeitet hat. Und dann schön mit dem Nachtzug nach Hamburg und direkt vom Bahnhof ins Büro. Ging alles irgendwie.

 

Und obwohl ich schon so oft hier war, entdecke ich immer wieder neue Ecken. Am Sonntag ist es das Museumsquartier, was mich Kulturbanausin bisher noch so gar nicht angezogen hat. Kapitaler Fehler! Ein wundervolles Areal mit vielen großen und kleinen Museen, Cafés und Restaurants und auf der Piazza kann man in grünen Plastikteilen abhängen, einem silent concert lauschen oder sich Capoeira oder Salsa beibringen lassen.

 

Die Ausstellung "Women - feministische Avantgarde der 1970er Jahre" im mumok schockiert heutige Besucher vermutlich höchstens noch durch die hemmungslose Zurschaustellung von Scham- und Achselbehaarung. Mit viel Humor aber auch viel Wut zeigen sich die Künstlerinnen in ihren Arbeiten. Sie sind durch die Bank weg alle aus der Generation meiner Mutter. Also eine spannende Zeit, die 70er Jahre, für junge Frauen und eine große Möglichkeit. Ich frage mich, warum meine Mutter für sich ein so konservatives Leben gewählt hat. 

 

Ich gucke noch in eine Comicausstellung und eine wilde Installationsgeschichte rein, esse zwischendurch fantastisch zu Mittag und beschließe, hier nie mehr wegzugehen. Ach doch, muss ich ja - ich will nämlich endlich mal wieder ins Kino. "Walk with me", eine Doku über Thich Nhat Hanh und sein Achtsamkeits-Kloster in Frankreich. Ganz hübsch, aber am coolsten ist die Stimme von Benedict Cumberbatch als Erzähler. Und zum Abschluss des Tages gibt's eine Käsekrainer am Würschtlstand gegenüber der Oper. Total local, ich.

 

Am Montag zieht's mich nach Frühstück bei Waldemar und einem kurzen Shopping-Exkurs wieder ins Museumsquartier, da hab ich ja noch lange nicht alle Cafés und Ausstellungen durch.

 

Am Dienstag fahre ich nach Bratislava, ein Katzensprung von Wien aus. Mein Papa ist in Bratislava geboren (er sprach immer von Pressburg, worunter ich mir als Kind immer ein kleines Bergdorf vorgestellt habe) und 1945 musste die Familie über Österreich nach Deutschland fliehen, weil sie Karpatendeutsche waren. Es gibt ein klitzekleines Museum über die Geschichte der Karpathodeutschen in Bratislava, das wollte ich mir angucken. Es liegt... sagen wir mal: Etwas ab vom Schuß. Ich bin anscheinend die einzige Besucherin, der Museumsbereich wird extra für mich aufgeschlossen, das Licht angeknipst und dann werde ich mit der sehr kleinteiligen karpathodeutschen Sammlung alleine gelassen. Das fühlt sich komisch an. Ich fühle mich irgendwie verpflichtet, mich hier länger aufzuhalten, dabei bin ich eigentlich schon nach zehn Minuten fertig.

 

Der Stadtkern von Bratislava ist hübsch, besteht aber ausschließlich aus Cafés, Restaurants und Souvenirshops. Ich bin des Rumrennens gerade sehr müde. Hier ein historischer Stadtkern, da ein historischer Stadtkern, Bregenz, Vaduz, Salzburg, Innsbruck, Wien, Bratislava... so langsam tun mir die Füße weh und ich mag nicht mehr. Beim Wandern ist es einfach: Aufstehen, frühstücken, wandern, päuscken, duschen, abendessen schlafen. Das geht gut und erfordert keine große Kreativität oder Organisation. Die Städte sind da anstrengender, ich recherchiere mehr, es gibt mehr Input und weniger "alles-ist-gut"-Momente. Ich glaub, zwischen Hamburg und Iran brauch ich noch mal 'ne Runde Natur und Stille.

 

Am letzten Wien-Tag fahre ich über die Donau zur UNO, wo es um 14 Uhr eine ganz spannende Führung gibt. Bevor man allerdings überhaupt in die Nähe der Kassa kommt, durchläuft man erst mal ein Sicherheitsszenario wie am Flughafen. Auf dem Rückweg lasse ich mich noch einmal durch die Gassen des 1. Bezirks treiben, gucke, ob noch alle Kneipen im Bermuda-Dreieck an ihrem Platz sind und entdecke doch noch den ein oder anderen Flecken, den ich noch nicht kannte. Ach Wien, ich mag Dich!

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Kommentare: 1
  • #1

    Uli Rodeck (Samstag, 09 September 2017 16:11)

    Hi Katja, jetzt bin ich endlich dazu gekommen, Deine Einträge zu lesen. Wunderschön, vor allem wenn es draußen ununterbrochen regnet. Ich hoffe, dass Du Deine Tiefs ertragen kannst, denn aus meiner Sicht sind auch ne Menge Hochs unterwegs. Manchmal gehe ich in Gedanken Deine Touren mit und freue mich an all dem ,was Du siehst. Uli